Warum der Nachhaltigkeitszug nicht ins Grüne fährt

Serintogo Nachhaltigkeitszug

Tschu Tschu, da rollt er, der Nachhaltigkeitszug. Langsam und gemächlich ist die kleine grüne Bimmelbahn in den letzten Jahren von Dorf zu Dorf getuckert. Immer wieder sind ein paar Menschen ein- und ausgestiegen. In die großen Bahnhöfe, in denen die schicken ICEs stehen, durfte der gemütliche Nachhaltigkeitszug bisher nicht einfahren. Zu langsam, zu grün, zu öko. Ja, er wurde viele viele Jahre belächelt für seine umweltfreundliche Fahrweise. Zu wenig Profit, zu viel Gewissen!

Doch so langsam merken die großen Schnellzüge, dass die kleine Bimmelbahn immer beliebter wird. Nicht nur bei den Ökos, sondern auch bei Ottonormalverbrauchern, bei Bloggern und bei Influencern. Und genau die sind es doch, die in der ersten Klasse der großen Züge sitzen und jede ihrer Fahrten bei Instagram festhalten sollen.
Was wollen die nur im Grünen Zug? Wieso bevorzugen sie diese unluxuriöse Weise des Reisens? Die Industrie war lange ratlos, hat ihre Marketingexperten viele Nachtschichten machen lassen und jetzt reagiert: Schnellzüge mit grünem Anstrich!

Egal ob vegetarische Wurst vom großen Fleischhersteller oder Naturshampoo von konventionellen Shampoohersteller – die Industrie streicht viele ihrer Produkte gerade grün an. Aber das ist doch super, könnte man jetzt meinen. Endlich haben sie verstanden, dass es so nicht weitergehen kann. Zu viel Fleisch wird konsumiert, zu viel Chemie in Kosmetik versteckt, zu viele Menschen für die Textilbranche ausgebeutet.

Doch ich trau dem Seitanbraten nicht!

Unternehmen, die bekanntlich alles für ihren Profit tun, sollen plötzlich einsichtig sein? Auf das große Geld verzichten? Umweltschutz in den Vordergrund stellen? Als ob!

Wenn ein riesiger Produzent wirklich Interesse daran hätte, dass weniger Fleisch gegessen wird, dann würde er sofort den Schlachtbetrieb einstellen und nicht zweigleisig fahren, oder? Wenn ein Kosmetikhersteller dir keine hormonverändernden Shampoos mehr verkaufen möchte, sondern ab sofort auf nachhaltige Naturkosmetik setzen würde, dann müsste er 99 Prozent seines Sortiments sofort aus den Regalen nehmen, oder? Wenn die Modeindustrie Näherinnen und Baumwollbauern jetzt wirklich fair behandeln wollen würde, dann würden sie nicht nur ein Conscious-Etikett an die Shirts tackern, sondern die Menschen ab sofort angemessen bezahlen, oder? Aber genau das passiert nicht!

Die Industrie fährt mit neuen grünen Mutter-Erde-liebenden Hightech-Eco-Zügen auf alten verramschten Gleisen. Und diese alten Gleise heißen: Cash over everything! Und als wenn das nicht genug wäre, lädt die Industrie jetzt auch noch Green Influencer auf eine kostenlose Fahrt in diesen neuen Zügen ein. Denn wer könnte die heuchlerischen Spartickets besser in die Community bringen, als ein Schaffner, dem wir vertrauen? Und so tauchen immer mehr Kooperationen und Gewinnspiele auf, bei denen ich mich frage, was damit eigentlich bezweckt werden soll. Natürlich sind Kooperationsanfragen für die man vielleicht auch noch Geld bekommt erstrebenswert für Blogger, die davon leben.

Aber für welchen Preis?

Die Industrie schleicht sich unter grünem Vorwand an Influencer heran und lockt sie mit vermeintlich nachhaltigen Kooperationen. Aber worum geht es der Industrie am Ende? Um Umsatz. Worum geht es den Influencern? Um Werbeeinnahmen. Was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun? Nichts. Und so wird aus den ach so grünen Incluencern am Ende doch nur die Influenza – ein ansteckende virale Infektion im Instagramuniversum, die dafür sorgt, dass die grüne Community an Profitgier erkrankt. 

Jahrelang haben Menschen in der Grünen Community versucht neue Wege mit dem Nachhaltigkeitszug zu fahren und auf die Schnellzüge zu verzichten – und diese Wege sollen jetzt einfach wieder plattgemacht werden? Kleine nachhaltige Startups durch große Firmen in die Knie gezwungen werden oder noch schlimmer: aufgekauft? Wohin das führt haben wir ja beispielsweise bei Sante gesehen, die sich von L’Oreal aufkaufen lassen haben und von Naturkosmetiklovern keines Blickes mehr gewürdigt werden. Aber Werbung machen immer noch viele Blogger für die Marke. GREENWASHINGALEEEERT!

Also wofür haben wir uns dann überhaupt auf die Reise gemacht?

Versteht mich nicht falsch, ich finde es absolut unterstützenswert Nachhaltigkeit salonfähig zu machen. Es soll keine Nische sein, sondern Alltag werden. Und wenn Firmen, die alles andere als nachhaltig sind, anfangen umzudenken, dann ist das ein minikleiner Schritt in die richtige Richtung. Aber die Frage, die bleibt, ist: tun sie das auch wirklich? Reicht es ein einziges nachhaltiges Produkt auf den Markt zu bringen, um das grüne Spiel mitzuspielen? Muss nicht die ganze Unternehmensstruktur radikal geändert werden, um authentisch zu sein? Ist es nicht zu einfach „Natural“ in den Produktnamen zu schreiben und sich damit zu brüsten?

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ wird genau durch diese Imagepflege der großen Unternehmen relativiert und verliert an Bedeutung. Aber was heißt Nachhaltigkeit überhaupt? Um wen und was geht es hier eigentlich? Steigen wir doch mal in den Nachhaltigkeitszug ein und schauen uns das Ganze mal genauer an.

Wenn Mutter Erde ein Mensch wäre, wem würde sie bei Instagram folgen? Den großen Konzernen, die ihren Leib vergiften, schunden und für Profit vergewaltigen? Oder doch lieber den Handlangern der Industrie – aka Influencer und Blogger -, die sie ebenfalls vergiften, schunden und vergewaltigen – nur mit schöneren Bildern.
Lassen wir die Filter mal beiseite. Ich verrate dir mal, wem Mutter Erde wirklich folgen würde.

DIR…

Du, der deine Seife unverpackt kauft, um Verpackungen zu meiden.
Du, der einen Kaffeebecher dabei hat, um keine Einwegbecher zu nutzen.
Du, der zum Einkaufen immer einen Stoffbeutel dabei hat.
Du, der niemanden unterstützt, der die Erde schonungslos ausbeutet für das bisschen Geld, das man weder essen, noch trinken kann.
Du, der nachfolgenden Generationen ein schöneres Zuhause hinterlässt, als du es aufgefunden hast.

Für Mutter Erde wärst du genau deswegen ein Held – egal wieviele Follower, egal wieviele Likes – denn es geht um Nachhaltigkeit und nicht Scheinheiligkeit.

Frag dich also, wohin fährt der sogenannte Nachhaltigkeitszug wirklich?

Goethe Scheine
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5 Kommentare

  1. Christina

    Hallo Serin, ich sehe das sehr ähnlich. Wenn ich Veggiewurst vom Fleischkonzern, oder Pflanzenhaarfarbe vom Chemieriesen sehe, werde ich auch misstrauisch. Natürlich ist es besser, wenn die Verbraucher, die bislang konventionelle Produkte gekauft haben, zu den vielleicht etwas nachhaltigeren Alternativen greifen. Aber wenn „grüne“ Blogger und Influencer für diese Produkte werben, wird ja vor allem die Gemeinschaft der Verbraucher angesprochen, die ohnehin grün und nachhaltig kauft. Und die vielleicht bislang die kleinen, idealistischen und tatsächlich nachhaltig handelnden Firmen unterstützt hat. So schaffen es dann die großen gewissenlosen Konzernriesen plötzlich, den kleinen idealistischen Betrieben das Wasser abzugraben. Schön, dass Du das ansprichst und so gut auf den Punkt bringst.

  2. Wow Serin,

    so so spannend das Thema, welches ich gerade erst vorgestern auf der Fashion Week mit mehreren grünen Bloggern diskutiert habe. Ich habe bei diesem Thema auch immer gemischte Gefühle und habe deswegen auch die Kooperation mit Garnier abgelehnt, die andere wiederum angenommen haben. Dafür aber offen kommuniziert haben, wieso sie sich drauf einlassen. Ihre Meinungen kann ich auch etwas nachvollziehen. Der Masse ist es oft egal, was sie kaufen. Und die Masse wird niemals von 0 auf 100 auf kleine Marken setzen, die man noch nicht kennt. Deswegen ist es so wichtig, die Masse bei den großen Firmen abzuholen und vielleicht funktioniert es, indem diese Marken sich (langsam, aber hoffentlich sicher) wirklich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Meine Bauchschmerzen bleiben dennoch. Denn meiner Meinung nach passen enormer Profit und Nachhaltigkeit nicht zusammen.

    Liebe Grüße
    Laura

  3. Ja, der Begriff „Nachhaltigkeit“ passt tatsächlich nicht zu unserer kapitalistischen Gesellschaft. Klingt für mich auch total befremdlich.
    Immer mehr wird auf unsere Umwelt aufmerksam gemacht, das Bewusstsein für Nachhaltigkeit wird immer stärker bei allen Menschen. Alleine die Stofftaschen, die man nun mitbringen muss zum Einkaufen oder eben einfach 10 Cent bezahlen für Plastik. Oder eben auch der Verzicht auf Einwegkaffeebecher, die ewig langen Diskussion über Strohhälme. .. meiner Meinung nach bleibt dies aber alles nur oberflächlich. Schön, ich verzichte auf Plastiktaschen, ich tue was für die Umwelt! Wow! Da gönne ich mir doch mal direkt ein Menü bei McDonalds oder kaufe mir beim Asiaten was, weil gesünder, im Plastikschälchen, mit Plastikgabel…. Solange nichts, aber auch gar nichts (siehe Abgasskandal) von der Politik kommt, bleibt halt alles immer nur oberflächlich und nach dem Motto: Ich mach ja was, müsste aber ja nicht. Oh! Nee, die Politik macht ja was, man darf ja teilweise einige Straßen mit Diesel-Auto nicht mehr befahren… Gut, fahre ich halt den 5km Umweg. Ist ja für die Umwelt…

  4. Pingback: 2019 mach ich’s noch besser - Nicetohave Mag

  5. Liebe Serin,

    mal wieder ein ganz toller Beitrag von dir, der sehr zum Nachdenken anregt. Ich finde es auch unwahrscheinlich schwierig. Vor allen Dingen die Frage, wo man die Grenze ziehen kann? Gehört dann die Naturkosmetikmarke Alverde von DM nicht auch genauso dazu? Manchmal bin ich nämlich auch sehr dankbar auch bei Rewe vegane Alternativen zu finden … Aber prinzipiell sehe ich es auch eher so, dass viele (sehr viele!) Unternehmen Green Washing betreiben. Es ist schade und es ist immer ein Abwägen.

    Liebe Grüße
    Fabienne von http://www.villaimmergruen.de

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