Die Macht der Ohnmacht

Die Macht der Ohnmacht

Was kann ein Einzelner schon bewirken? Für viele Menschen scheint die Antwort klar zu sein: nichts. Sich gegen die Masse zu stellen ist seit einiger Zeit out. Zu anstrengend, zu peinlich, zu aussichtslos. Und wenn nicht alle mitmachen, dann hat Boykott doch sowieso keinen Sinn. Und so können sich Konzerne, der Staat und Unternehmer heute einfach alles erlauben, die haben schließlich die Macht – der Konsument lächelt und winkt.

52 Tage bis zum Fall

Manchmal wünsche ich mir ein bisschen mehr 1995. Damals haben die Menschen einen ganzen Konzern in die Knie gezwungen. Und zwar nicht irgendeinen Konzern, sondern Shell – ein Milliardenkonzern! Damals sollte die Ölbohrinsel Brent Spar im Meer versenkt werden. Mehr als 100 Tonnen Gift wären einfach so ins Meer gelangt. Ein Skandal! Aber anstatt diese Umweltkatastrophe einfach über sich ergehen zu lassen, haben die Menschen etwas unternommen: Sie haben Shell boykottiert. Und zwar so sehr, dass der Konzern innerhalb kürzester Zeit einen Verlust von fast 50% verzeichnete. 52 Tage ging das Spiel, bis Shell schließlich einknickte und die Ölbohrinsel nicht einfach im Nordost-Atlantik versenken konnte. Durch diese Aktion wurde sogar ein generelles Versenkungsverbot für Plattformen im Nordost-Atlantik erlassen.

Wie kompliziert und aufwändig war dieser Boykott damals für die Menschen? Ich behaupte kaum. Denn sie mussten einfach nur die Tankstelle wechseln. Dieser kleine Mindshift hat so viel bewegt – weil alle an einem Strang gezogen haben. Die Menschen waren davon überzeugt, dass sie durch ihr Handeln etwas bewegen können und deshalb hat es auch funktioniert. 

Egal ob Tankstelle oder Gesichtscreme

Als vor einigen Wochen die Pressemeldung publik wurde, dass der Konzern Logocos – und damit auch Sante Naturkosmetik – vom Kosmetikkonzern L’Oréal aufgekauft wird, war der Aufschrei in der Grünen Szene groß. „Die Produkte kaufen wir nicht mehr“. Nicht nur, dass L’Oréal-Produkte voller Chemie sind, der Konzern unterstützt Tierversuche und gehört anteilig außerdem zu Nestlé – da darf jetzt jeder selber recherchieren, wie viel Natur der Kosmetik am Ende bleibt! Und so häuften sich enttäuschte Kommentare unter den Instagram-Beiträgen von Sante, zwei Bioläden sortierten die Produkte aus ihrem Sortiment aus und die Menschen riefen zum Boykott auf und tauschten sich in den Sozialen Netzwerken über Alternativen aus. Man war sich sicher: L’Oréal wird schon sehen, was sie von dem Deal haben. Bald würde keiner mehr Sante kaufen und die Tiegel und Tuben würden in den Regalen einstauben.

Bis vor ein paar Tagen. Eine Bloggerin schrieb mir, dass eine Influencerin mit fast 4 Millionen (!) Followern auf Instagram nun eine Kooperation mit Sante eingegangen ist und Werbung für eine Spülung macht. Als ich mir den Post angesehen habe, war ich baff – sehr viele Likes und Kommentare. Viele wollten wissen, wo sie die Spülung kaufen können. Andere machten auf die Übernahme von Sante aufmerksam (von der Influencerin gab es dazu bisher übrigens keine Stellungnahme). Ist das vielleicht die Chance Naturkosmetik endlich bekannter zu machen? Vielleicht. Aber warum dann ausgerechnet die eine Naturkosmetikfirma, die gerade vom großen Make-up-Hai geschluckt wurde? Hai und Hai gesellt sich gern?

Too big to fail

Wir vergessen gerne, dass all der Reichtum, den es in der Welt gibt, immer nur durch uns entstanden ist. Durch unseren Konsum – ein Wort, das so passiv klingt und doch ein sehr aktiver Vorgang ist. Und alles, was wir erschaffen können, das können wir auch wieder auflösen. Ohne Hass, Gewalt oder Waffen. Nur durch die bloße Kaufkraft – die größte Macht unserer heutigen Gesellschaft. 

Wenn diesen Monat niemand mehr einen Kaffee zum Mitnehmen kauft, dann hat sich das mit den Pappbechern aber ganz schnell erledigt. Wenn keiner mehr Wasser in einer Plastikflasche kauft, dann müssen die Firmen umdenken. Wenn niemand mehr Fastfashion-Shirts kauft, dann werden die Bosse gezwungen sich endlich mit fairen Löhnen auseinanderzusetzen. Und wenn keiner mehr Produkte von Sante kauft, dann versteht der Konzern vielleicht, dass man seine treuen Kunden, die sehr viel Wert auf Umweltschutz und Gesundheit legen, nicht einfach hintergeht. Boykott kann das!

Du hast die Macht!

Wir haben all das in der Hand. Du und ich! Den meisten ist glaube ich gar nicht bewusst, was wir alles bewirken können. Es kann mit nur einer einzigen Person anfangen, denn einer muss anfangen – warum nicht du? Wenn die Menschen es geschafft haben Shell zum Umdenken zu bringen – und damit hat der Konzern wirklich nicht gerechnet – dann motiviert mich das, noch viel größeren Konzernen eine Lektion zu erteilen. 

Schluss mit der Jammerei, dass wir eh nichts tun können. Schluss mit der Scheißegal-Haltung. Schluss mit blindem Konsum. Shell war damals so arrogant, dass sie sicher waren die Menschen würden die Ölkatastrophe einfach schlucken. Und so denken die meisten Konzerne noch heute. Aber wir entscheiden wie es weitergeht. Wir haben die Macht Nein zu sagen! Wir entscheiden, ob wir uns von Werbung blenden lassen, ob wir nicht eine alternative Spülung finden, die mit unserem Gewissen vereinbar ist – ob ein Konzern überlebt oder nicht. 

Ich habe meine Entscheidung gefällt und überlege mir in Zukunft noch viel genauer, wen ich unterstütze und wen nicht. Denn ich habe die Macht!

Macht
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2 Kommentare

  1. So ein toller Beitrag von dir, Serin! Ich höre auch sehr oft von Bekannten und Kollegen „Was soll denn das bringen, wenn nur ich etwas ändere? Ein einzelner kann doch nichts bewirken.“
    Diese Aussage macht mich so traurig. In meinen Augen ist jeder einzelne Einkauf ein Stimmzettel. Kaufe ich ein FastFashion T-Shirt bei H&M oder ein faires und nachhaltiges bei Grundstoff/ Armedangels/ etc., kaufe ich die konventionelle Gurke oder doch lieber die aus dem Biomarkt? Bei jedem einzelnen Einkauf haben wir die Wahl und stimmen ab. Das Angebot bestimmt die Nachfrage.
    Ich finde, am Beispiel der veganen Ernährung kann man sehr gut sehen, wie gut dieses Prinzip funktioniert. Als ich vor fast 4 Jahren beschlossen habe, tierische Produkte aus meinem Speiseplan zu streichen, war ich froh, wenn ich im Supermarkt mal einen Sojajoghurt gefunden habe. Mittlerweile gibt es selbst bei Aldi/ Lidl/ usw. pflanzliche Milch, Tofu und pflanzliche Schnitzel.
    Es muss immer einer anfangen, damit eine Bewegung entstehen kann!

  2. Pingback: Meine liebsten Blogposts vom September 2018 in den heutigen Strylinks

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