Whataboutism – ja, und was ist mit…?

Bitch please

Nachhaltigkeit, was für ein gigantischer Begriff. Die Werbung nutzt ihn gerne, um ihre Produkte aufzuhübschen, Politiker streuen ihn inflationär in ihre Wahlkampfreden ein und der Ottonormalverbraucher möchte mit diesem Begriff – der alles und nichts heißen kann – am liebsten so wenig wie möglich zu tun haben. Nachhaltigkeit. Das klingt für viele anstrengend und öko. Nachhaltigkeit – das klingt vor allem nach Verantwortung übernehmen. Was also tun, wenn man plötzlich mit der bitteren Wahrheit über Umwelt und Natur konfrontiert wird und einerseits nicht genau weiß, was das für den kleinen Mann bedeutet und andererseits einfach nur so weitermachen will, wie man es doch schon immer getan hat? Gott sein Dank gibt es eine Lösung: Whataboutism.

What? Ja, richtig gehört. Whataboutism ist die Möglichkeit den Dreck vor der eigenen Haustür gekonnt zu ignorieren und stattdessen auf den Dreck vor der Nachbarstür aufmerksam zu machen. Und zwar mit Zeigefinger und hochgezogenen Augenbrauen. Mit Whataboutism haben wir endlich die Möglichkeit Weltverbesserern aufzuzeigen, dass sie soweit weg vom perfekten nachhaltigen Leben sind, wie RWE vom Braunkohleausstieg. 

Fragen über Fragen

Denn was bringt Fair Fashion schon? Ist es wirklich besser, wenn Kleidung in Europa hergestellt wird? Werden die Menschen da fair bezahlt? Sollten indische Baumwollbauern nicht froh sein, dass sie überhaupt einen Job haben? Und was ist eigentlich mit Second-Hand-H&M-Klamotten? Dann trägst du ja doch nicht nur Fair Fashion. Ein Kleid aus Eukalyptus? Nimmst du da dann Koalas nicht ihr Futter weg? Näherinnen in Bangladesh verdienen doch daran, dass ich bei Zara kaufe. Fair Fashion ist außerdem viel zu teuer. 

Du isst kein Fleisch? Und woher bekommst du dann dein B12? Und dein Protein? Du isst meinem Essen das Essen weg. Und was ist mit Bio-Fleisch vom Metzger meines Vertrauens? Ich esse ja auch nur ganz wenig Fleisch. Und was isst du dann noch? Wenn keiner mehr Fleisch essen würde, dann gäbe es zu viele Tiere. Und warum müssen vegane Ersatzprodukte so aussehen wie Wurst? Aber du hast doch dann bestimmt Mangelerscheinungen. Und wieso kaufst du dann nicht nur Bio-Obst? Und die Transportwege? Dein Obst und Gemüse ist ja nicht immer regional, also lebst du ja nicht richtig  nachhaltig.

Aber wenn du nachhaltig lebst, dann darfst du ja nie wieder in den Urlaub fliegen, Autofahren oder Plastik benutzen. Wenn du auf konventionelle Kosmetik verzichtest, dann darfst du dich nie wieder schminken. Wenn dir Tierschutz doch so wichtig ist, dann darfst du auch nie wieder eine Mücke töten. 

Das ewige Ausweichmanöver

Ich könnte diese Liste von Abers ewig weiterführen. Denn egal wie viel man schon tut, probiert oder sich vornimmt, es wird immer Menschen geben, die es dir schlecht reden wollen, dich entmutigen und deinen Argumenten ausweichen. Und das, obwohl sie oft meilenweit davon entfernt sind, nur annähernd so bewusst zu leben, wie du. Sie haben sich also noch nicht mal gedanklich ernsthaft damit auseinandergesetzt. Genau das ist das Paradoxe an Whataboutism.

Es finden sich immer Fragen, Verbesserungsvorschläge und Kritik – geschenkt! Aber warum wird so häufig von der eigentlichen Sache abgelenkt, in dem man auf die Dinge hinweist, die vielleicht noch nicht optimal laufen? Warum wird immer nach Fehlern und Schwächen gesucht? Warum kann man sich nicht einfach mal eingestehen, dass jemand auf einem guten Weg ist, auf dem man selbst noch nicht mal einen einzigen Schritt gemacht hat?

Weil es so weh tut. Vor Augen geführt zu bekommen, wie man selbst die Umwelt zerstört, während andere zumindest versuchen es besser zu machen, ist kein schönes Gefühl. Dass jeder mal genau an diesem Punkt angefangen hat, spielt für den Whataboutismer keine Rolle. Er fühlt sich erwischt, dabei ging es an keinem Punkt um ihn. Sondern immer nur um die Sache an sich.

Mit Whataboutism infiziert?

Ein Mensch der an Whataboutism leidet, fühlt sich per se angegriffen. Whataboutism ist der kleine Bruder von Schizophrenie. Der Whataboutismer interessiert sich plötzlich für Details und Zusammenhänge, die für sein eigenes Leben keinerlei Bedeutung haben. Der Whataboutismer möchte von dir wissen, ob der Apfel, den du gerade isst, gespritzt und regional angebaut wurde und genug Vitamine enthält, während er selber in seinen 1-Euro-Burger beißt. Der Whataboutismer wird im Gespräch urplötzlich zum Menschenrechtsaktivisten, der sichergehen möchte, dass deine Hose nicht von kleinen Mädchen in Bangladesh genäht wurde, während er seine drei randvollen Primark-Tüten von der einen in die andere Hand hievt. Der Whataboutismer bemerkt, dass du nicht immer komplett plastikfrei einkaufst, während er seinen Kaffee aus dem nicht-biologisch-abbaubaren Pappbecher mit Plastikkappe schlürft.

Ich glaube der Whataboutismer merkt oft gar nicht was er tut. Denn wenn er das täte, dann müsste er sich ja aktiv mit seinem Verhalten auseinandersetzen. Aber genau das ist ja nicht sein Ding. Deswegen kommt von ihm schließlich ja auch kein „Achja stimmt“, sondern eben ein „ja, aber was ist mit…?“.

Ja, aber was ist die Lösung?
Ich weiß zumindest, was nicht zur Lösung beiträgt.

Hochmut.
Ignoranz.
Achtlosigkeit.
Unberührtheit.
Dekadenz.

Folglich gibt es eigentlich nur eine Sache, die hilft: Selbstreflexion. Oder den Besen in die Hand nehmen und selber fegen, fegen, fegen. Und zwar vor der eigenen Haustür. 

Whataboutism Konfuzius
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1 Kommentare

  1. Liebe Serin,

    mit deinem Beitrag sprichst du mir aus der Seele. Ich weiß selbst, dass ich nicht alles perfekt mache und da noch viel Luft nach oben. Aber dennoch wird man ständig kritisiert, dafür finde ich aber, dass ich mir in so vielen Bereichen wirklich Gedanken mache und schon einen so großen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit gegangen bin. Mach bitte weiter so, du bist nämlich ein großes Vorbild für mich.

    Liebe Grüße und einen schönen Tag
    Fabienne

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