I’m a Loser, Baby! – Scheitern als Chance

Vor ein paar Tagen stand ich vor dem Spiegel und habe mir minutenlang in die Augen geguckt. So lange, bis es schon richtig komisch wurde und meine Gesichtskonturen so langsam verschwammen. Scheitern! Ich bin gescheitert, sage ich leise zu mir. In diesem Moment fühle ich mich leer. Weder gut, schlecht, fröhlich, traurig – einfach nur leer. Auf meiner Stirn steht es groß und deutlich geschrieben: LOSER!

Bloß nicht Scheitern!

In Deutschland leben wir in einer Gesellschaft, in der Scheitern, Versagen, Fehler machen immer etwas Schlechtes ist. In der wir uns am liebsten verstecken würden, wenn etwas nicht so geklappt hat, wie es vielleicht sollte. Wir wollen nicht aus Fehlern lernen und schon gar keine machen. Versager kriegen dicke fette Stempel aufgedrückt und diese Stempel wieder loszuwerden kann sehr sehr lange dauern – sie fühlen sich an wie tätowiert. Als ich da so vor dem Spiegel stehe, frage ich mich, warum das eigentlich so ist. Woher kommt der Drang nach der schönen heilen Welt? Wieso wollen wir einen Schein waren? Ein Bilderbuchleben führen. Ist das überhaupt erstrebenswert? Wäre das auf Dauer nicht sogar langweilig?

Natürlich ist es schön, wenn alles einfach so läuft, wie ich es mir im Kopf ausgemalt habe. Aber eine Sache habe ich in den letzten Jahren gelernt: Sobald etwas eben nicht so klappt wie geplant, wachse ich umso mehr an der neuen Herausforderung. Und das passiert ungefähr immer, wenn ich es mir in meiner Komfortzone so richtig gemütlich gemacht habe. Wie auch dieses Mal. Dabei ist es vollkommen egal, ob man den Job verliert, eine Beziehung beendet, ein Projekt in den Sand setzt oder einfach eine falsche Entscheidung trifft. Das Gefühl ist immer ähnlich.
Beklemmend.
Beschämend.
Besiegt.
Woher das Gefühl kommt? Von meinem Ego, das mir sowieso schon die ganze Zeit gesagt hat, dass ich scheitern werde. Bitteschön, mal wieder geschafft!

Auf dem Scheiterhaufen

Als meine Beziehung in die Brüche geht, merke ich schnell, dass ich mich schäme. Ich schäme mich, nicht der Norm zu entsprechen. Nicht der Erwartung meines Umfeldes zu genügen. Mit Anfang 30 wieder Single? Na dann viel Glück! Und zu dem Spruch gibt es mitleidige Blicke inklusive. Plötzlich steht alles wieder in Frage. Haus, Kinder, Hund, Baum? Alles soweit weg wie mit Mitte 20. Nur, dass es da egaler war. Weil ich da immer sagen konnte: kommt noch! Aber jetzt ist da nur noch Druck. Und ich könnte die ganze Schuld jetzt auf die Gesellschaft schieben, aber ist sie das wirklich? Geht so. Denn klar wird uns durch Medien, Erziehung, Schule suggeriert, dass Vater-Mutter-Kind das Nonplusultra ist, aber gleichzeitig zeigt mir das echte Leben jeden Tag, dass es unendlich viele Lebensformen gibt und keine erscheint mir richtig oder falsch. Ich kenne alleinstehende Frauen, die ohne Kinder glücklich sind. Ich kenne Paare, die in ihrer offenen Beziehung glücklich sind. Und ich kenne klassische Vater-Mutter-Kind-Familien, die ziemlich unglücklich sind. So what? Das hat alles nichts zu bedeuten. Und trotzdem strebe ich seit 33 Jahren nach der Norm. Dieser verdammte Ring am Finger! Man, Beyoncé! Dabei wird fast jede zweite Ehe wieder geschieden. Wofür also der ganze Zirkus? Wem möchte ich was beweisen, was vorspielen?

Und das ist die große Frage, die ich mir nun seit einigen Wochen stelle.
Will ich so ein Leben wirklich oder denke ich nur, dass ich es will?
Will ich es, weil es alle wollen?
Oder ist es mein innigster eigener Wunsch eine Familie zu gründen?

Scheitern als Chance

Das vermeintliche Scheitern hat mich endlich dazu gebracht ganz ehrlich mit mir selber zu sein. Ich habe mir selbst die Chance gegeben meinen Lebensweg zu hinterfragen und meine eigene Wahrheit zu finden. Und an die Antwort taste ich mich immer noch ran. Lese Bücher über Beziehungskonzepte, Monogamie, Polygamie, Polyamorie – und viele Dinge, von denen ich vorher nie gehört habe. Beschäftige mich mit Eifersucht, Treue, Freiheit. Und mittlerweile merke ich, dass die Antwort schon fast unerheblich ist, denn allein mir zu erlauben, meine festgefahrenen Konstrukte zu hinterfragen, ist ein unglaublich wichtiger Schritt, um mir selbst näher zu kommen.

Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, dann war es fast immer das Scheitern, das mich dazu gebracht hat, mich weiterzuentwickeln. Weil es genau die Phasen im Leben sind, in denen ich mich zurückziehe, innehalte, in mich reinschaue und anfange alles in Frage zu stellen. Ja, das ist anstrengend. Ja, das tut oft weh. Ja, danach ist nichts mehr wie vorher. Aber verdammt ja, das ist auch gut so. Das bedeutet leben.

Scheiter weiter

Das was uns menschlich macht, sind unsere Fehler. Wir lernen nicht aus Heititei-Sonnenschein-Situationen, sondern wir lernen aus den richtig dreckigen üblen Geschichten, die uns widerfahren. Und jedes Mal, wenn ich ganz unten bin, steige ich irgendwann wie Phönix aus der Asche und frage mich danach, mit welcher Kraft ich das eigentlich geschafft habe. Und je öfter ich auf dem Scheiterhaufen stehe, desto schneller wird mir bewusst: hey, das kriege ich irgendwie hin, denn die letzten Male hat das auch geklappt. Im Prozess des Scheiterns, können wir uns eigentlich schon auf unser Wachstum freuen.

Aber jetzt stehe ich immer noch vor dem Spiegel und male mit dem Zeigefinger dieses große L auf meiner Stirn immer wieder nach. Ich schäme mich nicht mehr für mein Scheitern. Scheitern ist eine Chance. Scheitern ist vielleicht sogar das echte Glück. Das Glück endlich zu wissen, was ich wirklich will. Und irgendwann steht das große L dann auch nicht mehr für Loser.

Misserfolg_Platon
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