Krisensitzung – Selbstbestimmt durch jede Krise kommen

Egal ob im Fernseher, Radio, im Internet oder auf der Straße. Überall hört man immer nur noch dieses eine Wort: Krise. Wir sind mittendrin und ehrlich gesagt spielen meine Emotionen seitdem verrückt. Es gibt Tage da geht es mir gut und dann gibt es Tage, da fühlt sich alles an wie ein großer Albtraum. Es sind so viele Faktoren die gerade auf die gesamte Menschheit einprasseln und die meiste Zeit möchte ich mich am liebsten unter meiner Bettdecke verstecken, an die guten Zeiten denken und über meine Kopfhörer Naturgeräuschen lauschen. Aber wie du dir denken kannst, wird es irgendwann ziemlich stickig dadrunter, ich muss Pipi und seien wir ehrlich: Verstecken ist nicht die Lösung. Deshalb gibt es hier heute eine kleine Krisensitzung mit der Psychologin Kathryn Eichhorn aus München.

Kri·se

Das Wort Krise kommt ursprünglich vom griechischen Wort krísis und bedeutet Entscheidung oder entscheidende Wendung. Und genau das ist der Punkt. Auch wenn plötzlich alles anders ist, bin ich immer noch die Herrscherin über mein Leben. Ich darf und ich muss entscheiden, wie ich mit Situationen umgehe. Diese Entscheidung kann mir weder mein Partner, mein Vorgesetzter oder die Kanzlerin abnehmen.

Im März war ich sehr optimistisch. Ich habe die Krise als Chance betrachtet. Alles, was gesellschaftlich nicht gut läuft, können wir jetzt verbessern. Egal ob Nachhaltigkeit, Empathie, Zusammenhalt, Gesundheit oder soziale Ungerechtigkeit. Ich habe Artikel von Zukunftsforschern gelesen und war guter Dinge, dass wir viel in dieser verrückten Zeit lernen können. Eine Krise als Neuanfang, das klingt sogar fast wünschenswert.

Aber die Tage vergingen und irgendwann war April und gar nichts fühlte sich mehr nach optimistischer Zukunft an. Das Problem an einer Krise ist nämlich, dass man nie weiß, wie lange sie geht. Schon gar nicht, wenn sie nicht nur einen selbst betrifft, sondern die ganze Welt. Da kann man nicht einfach sagen: so, Tür zu, mich interessiert das nicht mehr! Auch, wenn es Menschen gibt, die so tun, als würde es sie nix angehen. Eine weltweite Krise geht offensichtlich jeden etwas an. Einige trifft sie sicherlich härter als andere, aber so ein ganz normales Leben führt derzeit wohl niemand.

Ich habe geweint, war wütend, dünnhäutig, genervt und lag morgens wie ein Kleinkind im Bett, das hofft, dass einfach alles vorbei sei – war es nicht und ist es nicht. Zeit für den Realitycheck.

Wie schaffe ich es also auch in einer Krisensituation bei mir zu bleiben? Als Nachrichtenredakteurin bekomme ich ständig Pushbenachrichtigungen auf mein Handy, bin auf der Arbeit nur mit Horrormeldungen konfrontiert und wenn dann auch noch in der Freizeit alle über dasselbe Thema sprechen, bringt das meine Balance kräftig durcheinander. Studien zeigen außerdem, dass solche Schäden sich langfristig auf unsere Psyche auswirken kann.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass es sich durch einen glücklichen Zufall ergeben hat, dass ich mit der Münchner Psychologin, die in eigener psychotherapeutischer Praxis psychoanalytisch arbeitet, Dr. Kathryn Eichhorn sprechen durfte. Sie hat lange auf der Krisenstation einer Psychiatrie gearbeitet und hat mittlerweile eine eigene psychotherapeutische Praxis. Wir hatten ein super interessantes Gespräch und ich freue mich, dass ich ihre Tipps mit euch teilen darf.

Disclaimer: Diese Tipps sind kein Ersatz für eine Therapie, sondern nur Impulse und Anregungen. Wenn du therapeutische Hilfe brauchst, wende dich bitte an deine Krankenkasse, direkt an eine Ausbildungsstätte für Psychotherapeuten, an den Psychotherapeutischen Informationsdienst oder an die Pro Psychotherapie e.V..

Wie halte ich in der Krise meine Balance?

Selbstfürsorge

Egal ob wir im Home Office sind, unserem Job normal nachgehen oder gerade gar nicht weiterarbeiten können – nichts ist, wie vorher. Ein Strategie, um seine eigene Balance aufrecht zu halten, ist eine eigene Tagesstruktur. Kathryn Eichhorn sagt, dass ganz wichtig ist, die Selbstfürsorge nicht zu vergessen: jeden Tag etwa zur gleichen Zeit aufzustehen, Zähneputzen, duschen und nicht die Jogginghose den ganzen Tag zu tragen, in der man schon geschlafen hat, regelmäßige Mahlzeiten, geplante Pausen und einen ritualisierten Feierabend, um gerade beim Home Office auch ein Ende zu finden. Tägliche Routinen schaffen Ordnung im Kopf. Gerade in Zeiten, die nicht richtig planbar sind, können wir zumindest in unserem Mikrokosmos Struktur schaffen.

Schlafhygiene

Schlafen? Kann ich! Kathryn Eichhorn empfiehlt sich eine regelmäßige Schlafroutine anzugewöhnen. Ja, Serien gucken macht Spaß und das Angebot ist unendlich. Nur noch eine Folge und plötzlich ist es zwei Uhr nachts. Dabei ist es am besten vor Mitternacht ins Bett zu gehen, da der Schlaf vor 0 Uhr der wichtigste für die Regeneration ist. Und dann – je nach eigenem Empfinden – heißt es 7-9 Stunden zu schlafen. Wie viele Stunden Schlaf für einen selber das Beste sind, findet man laut Kathryn Eichhorn am besten heraus, wenn man sich mal ein paar Tage keinen Wecker stellt.

Schlafdefizite können sich negativ auf unsere Psyche und das Immunsystem auswirken und bringen uns aus dem Gleichgewicht. Studien zeigen, dass Menschen nach ein paar Nächten mit zu wenig Schlaf schon psychotische Symptome aufgezeigt haben – Schlafentzug ist nicht umsonst eine Foltermethode!

Ich weiß, dass das nicht immer machbar ist. Gerade Schichtdienst, Familie und das ständige Grübeln können den Schlafrhythmus ganz schön durcheinander bringen. Falls du Schlafstörungen hast, dann findest du zum Beispiel hier gute Tipps.

Mein Tipp: Ich höre mir zum Einschlafen gerne Natursounds an oder benutze verschiedene Meditationsapps. Die Apps Balloon oder 7Mind haben zum Beispiel ihre Krisenpakete kostenlos freigeschaltet.

Emotionale Verarbeitung

Jede Krise geht vorbei! Alles hat ein Ende!

Kathryn Eichhorn sagt, dass wir uns stets bewusst machen sollen, dass alles endlich ist – auch diese Krise. Wir wissen nicht wann, aber wir wissen, dass ein Ende kommen wird. Das heißt nicht, dass es uns damit nicht schlecht gehen darf, aber es ist wichtig, die Realität anzuerkennen.

Passend dazu gibt es zum Beispiel die Emotionsfokussierte Therapie nach Leslie Greenberg.

Und trotzdem werden wir Tage haben, an denen wir einfach nur weinen wollen, an denen wir wütend, traurig oder total verzweifelt sind. In so einer Situation hilft laut Kathryn Eichhorn die radikale Akzeptanz: richtig in die Emotion eintauchen und dann kann man sie auch wieder verlassen. Denn Emotionen sind flüchtig – keine Emotion bleibt für immer. Und je schneller wir aufhören gegen unsere Emotionen anzukämpfen, desto schneller können wir sie auch wieder loslassen.

Wie treffe ich in einer Krise eigenständige Entscheidungen?

Innere Freiheit

Wir befinden uns in einer Situation, die wir so noch nie erlebt haben. Vielleicht fällt es uns auch deswegen teilweise so schwer mit dieser Krise umzugehen. Es gibt viele Einschränkungen, die wir so nicht gewohnt sind und vielleicht hat der ein oder andere jetzt ein Gefühl von Unmündigkeit und fühlt sich gefangen. Kathryn Eichhorn empfiehlt sich die innere Freiheit zu bewahren und keine Freiheiten abzugeben, die uns eigentlich niemand genommen hat – wie zum Beispiel die Meinungsfreiheit. Es ist völlig legitim andere Sichtweisen auf Dinge zu haben und die Freiheit des Denkens kann niemandem genommen werden. Wir können gesetzestreu handeln und müssen uns trotzdem nicht innerlich unterwerfen.

Wir bleiben eigenständige Menschen und haben immer noch das Recht unsere eigenen Entscheidungen zu treffen, indem wir uns auf die Möglichkeiten fokussieren, die gerade zugänglich sind.

Wie bewältige ich Ängste und Sorgen?

Grübelkarussell

Ängste und Sorgen zerdenken ist meine große Leidenschaft. Kathryn Eichhorn nennt diesen Vorgang das Grübelkarussell. Wir denken und denken und denken, aber kommen zu keiner Lösung. Hier hilft der Realitätscheck: Ich mache mir bewusst, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass das wovor ich Angst habe, wirklich eintritt (zum Beispiel mithilfe von Statistiken). Oft merken wir dann, dass unsere Ängste unbegründet sind. Die Psychologen Kahneman und Tverski nennen diese Denkweise, bei der wir übereilt urteilen ohne abgewägt zu haben, Urteilsheuristik.

Mein Tipp: Das Buch Schnelles Denken, langsames Denken von Daniel Kahneman behandelt genau solche Denkprozesse.

Und doch gibt es natürlich auch Ängste, die real sind, wie aktuell zum Beispiel Existenzängste bei vielen Freiberuflern und Selbstständigen. Kathryn Eichhorn sagt, dass es dann vor allem darum geht, den Ist-Zustand anzuerkennen und nicht zu verdrängen. Keinem helfen Sätze wie Das wird schon oder Alles wird gut und gleichzeitig brauchen wir uns auch keine Horrorszenarien ausmalen. Es geht um die Anerkennung der Realität, auch wenn sie scheiße ist. Das heißt wiederum nicht, dass wir die ganze Zeit in der Emotion Angst feststecken müssen. Bewusst in die Emotion reingehen, fühlen und dann Ablenkung schaffen. Kathryn Eichhorn sagt, dass viele ihrer Patienten auf der Krisenstation das am besten durch Puzzeln konnten. Aber es gibt noch zahlreiche andere Möglichkeiten wie zum Beispiel Mandalas malen, Sport machen, Gedichte schreiben oder oder oder. Es geht um ein bewusstes Abtauchen, um für eine gewisse Zeit einmal alle Ängste und Sorgen zu vergessen.

Mein Tipp: Ich empfehle das Buch Die Kunst des klaren Denkens von Rolf Dobelli, in dem tückische Denkfallen unter die Lupe genommen werden.

Kontrollverlust

Ich kann am besten mit dieser Krise umgehen, in dem ich mir Artikel, Statistiken, Vorträge und Studien angucke. Andere wiederum wollen mit all dem nichts zu tun haben und fühlen sich besser, wenn sie keine Nachrichten gucken. Gibt es da ein Richtig und ein Falsch? Nein. Aber Kathryn Eichhorn sagt, dass beide Wege etwas mit Kontrollverlust zu tun haben, den man entweder unbedingt verhindern möchte oder völlig ignoriert. Wichtig ist, dass dieser Zustande nichts Zwanghaftes bekommt – also, dass ich zum Beispiel gar nicht mehr aufhören kann zu recherchieren oder dass ich auf der anderen Seite die Augen vor der Realität verschließe und so tue, als wär nichts.

Bewusste Recherchepausen oder bewusster Nachrichtenkonsum sind der Schlüssel. Und sich selbst fragen: Wie geht es mir eigentlich damit? Dem eigenen Gefühl vertrauen. Wenn ich merke, dass ich wieder viel zu viel konsumiert habe, dann lege ich das Handy für ein Wochenende bewusst beiseite und beschäftige mich mit anderen Dingen.

Kathryn Eichhorn empfiehlt sich einen eigenen psychischen Raum zu schaffen, in dem man sich immer wieder für sich fragt, wie es einem mit der Situation geht und wie man damit umgehen will. In diesem Raum darf man sich die Zeit nehmen mal richtig reinzuspüren und zu reflektieren. Schwierig? Übungssache!

Wie gehe ich mit anderen Meinungen zur Krise um?

Konflikte bewältigen

Im Ausnahmezustand hat jeder eine andere Meinung, was jetzt richtig und was falsch ist – und das ist okay. Trotzdem beobachte ich immer häufiger, dass es zu großen Konflikten und Streitigkeiten über die aktuelle Situation kommt. Welche Beschränkungen sind unnötig? Welche Statistik stimmt? Was wäre, wenn? Das ganze passiert nicht nur in Social-Media-Kommentaren, sondern auch unter Kollegen, Freunden und innerhalb der Familie. Kann man solche Streits vermeiden? Und muss man das überhaupt?

Kathryn Eichhorn sagt nein, denn Beziehung heißt nicht, dass wir uns bei allem einig sein müssen. Konflikte gehören zu jeder Beziehung dazu. Wenn wir streiten, haben wir gleichzeitig immer Angst vor Ablehnung und davor, dass unser Gegenüber die Beziehung abbrechen möchte. Diese unbewusste Angst ist eine Urangst davor allein zu sein, die ganz tief im Menschen verankert ist. Denn allein kann ein Mensch (bzw. ein Baby) nicht überleben. In einem Konflikt wird diese archaische Angst reaktiviert, wie etwa: wenn ich meine Meinung sage, dann könnte ich am Schluss allein dastehen. Dann bleibe ich lieber still oder übernehme die Meinung des anderen.

Kathryn Eichhorn empfiehlt Verantwortung für seine eigene Haltung zu übernehmen und gleichzeitig offen für die Meinung meines Gegenübers zu sein. Ich muss die Meinung nicht teilen, ich kann sie richtig blöd finden, aber ich höre sie mir an, weil sie mich interessiert – das ist die hohe Kunst der Beziehung. Diese Strategie muss ich nicht bei jedem x-beliebigen Facebookuser anwenden, aber sie ist nützlich für all die, mit denen ich in Beziehung bleiben möchte.

Konflikte haben außerdem etwas mit unserem Selbstwert zu tun. Wenn unsere Meinung nicht geteilt wird, dann fühlen wir uns persönlich angegriffen, dabei wollen wir doch eigentlich gemocht und anerkannt werden. Zu akzeptieren, dass wir nicht von jedem gemocht werden können und müssen, ist nicht leicht, aber löst den Druck. Selbstwert bedeutet nämlich auch, für sich selbst einzustehen.

Agressionen kanalisieren

Wenn jemand eine sehr konträre Meinung zu unserer eigenen hat, dann fühlen wir uns manchmal nicht nur dadurch angegriffen, sondern wir werden richtig wütend und aggressiv. Die einen machen ihrer Wut direkt Luft, indem sie den anderen anschreien, andere unterdrücken ihren Ärger und fressen ihn langfristig in sich hinein. In unserer Gesellschaft schickt es sich nicht laut zu werden, weswegen viele Menschen mit ständiger Wut und Aggressivität im Bauch leben. Auf Dauer können sich solche starken Emotionen gegen einen selber richten, statt gegen andere, was dazu führen kann, dass man in eine Depression rutscht (die wiederum multifaktorisch ist und nicht immer nur eine Ursache hat).

Streit ist wichtig. Wut rauslassen ist wichtig. Es geht nicht darum dauernd unser Umfeld anzuschreien oder etwa jemanden körperlich anzugreifen, aber wer sauer, wütend oder frustriert ist, der darf das auch zeigen, aber eben adäquat und nicht völlig übertrieben. Gar nicht so – aber erlernbar.

Kleine Krisensitzung

Ich habe mir vorgenommen öfter kleine Krisensitzungen mit mir selbst zu machen, um zu checken, wie es mir gerade eigentlich geht, ob es irgendwo drückt und das gegebenenfalls zu ändern. Die Tipps und Strategien von Kathryn Eichhorn helfen mir, mich zu reflektieren – an dieser Stelle vielen Dank! Und seit unserem Gespräch hat sich auch die Pessimistin in mir erstmal wieder verabschiedet – yay! Manchmal ist es nämlich genau das, was uns in einer Krise am besten nützt: Hilfe zur Selbsthilfe.

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