Alles Lüge | #21TageohneSelfie

Lüge
Originalbild: Soroush Karimi

Hast du heute schon gelogen? Ich schon. Ich lüge jeden Tag. Mehrmals. Mal unbewusst, mal bewusst. Und du brauchst jetzt nicht so tun, als würde dich das schockieren, denn du tust es doch auch, oder? Die Lüge ist so allgegenwärtig in unserer Gesellschaft, dass sie nicht mal mehr geleugnet wird. Sie ist Alltag. Normal. Sie erleichtert uns das Leben. Tut sie das wirklich?

Wenn ich durch meinen Instagramkanal scrolle, dann sehe ich viele Filter – mal besser bearbeitete Bilder, meistens eher amateurhaft. Wo fängt die Lüge an, wo hört die Wahrheit auf? Ist ein Filter schon Fake? Ist das, was wir von uns auf Social Media preisgeben die Wahrheit? Oder ist es okay hier und da das eigene Leben ein bisschen aufzuhübschen?

Wo fängt die die Lüge an, wo hört die Wahrheit auf?

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, was ich mir in den letzten 32 Jahren für ein Kartenhaus aufgebaut habe. Ich weiß nicht, wann ich gemerkt habe, dass so eine kleine Notlüge hier und da viele Dinge einfacher machen kann – wohl irgendwann in der frühen Kindheit. Ich vermeide bewusst Konflikte, indem ich die Wahrheit vielleicht einfach nicht ausspreche. Ist das das schon lügen? Mein Lügen-Kartenhaus ist ziemlich zubetoniert – jahrelange Arbeit. Und was ich da aufgebaut habe, war mir lange nicht klar. Denn auch beim Lügen gilt: das machen doch alle! Also bloß nicht hinterfragen. Wieso soll das plötzlich verwerflich sein? Vergeht überhaupt ein Tag, an dem ich nicht lüge? Dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen.

Wären es nur meine Bilder auf Instagram, die einfach etwas retuschiert sind – geschenkt. Aber ich rede hier von ganz anderen Lügen. Lügen, die ich mir selbst so gekonnt ins Unterbewusstsein katapultiert habe, dass ich sie mittlerweile selber glaube. Was passiert, wenn ich aufhöre zu lügen? Würde ich mir glauben? Würde irgendjemand mir glauben? Würde ich es überhaupt schaffen immer die Wahrheit zu sagen? Und wenn nein, wie kann das sein, dass wir in einer Welt leben, in der nicht stets die Wahrheit gesagt werden kann? Wem kann ich dann überhaupt noch glauben?

Ist mein Leben eine Lüge?

Fängt es nicht schon damit an, dass ich glaube ein guter Mensch zu sein? Gut – was soll das überhaupt sein? Wo gut ist, da muss auch böse sein. Behaupte ich also gut zu sein, so muss ich mir gleichzeitig eingestehen, dass es auch Seiten an mir gibt, die eben nicht so vorzeigbar sind. Eben nicht instagramtauglich.

Zeit für die Wahrheit.

Wenn ich nicht bekomme, was ich will, weine ich wie ein kleines Mädchen. Ich bin eifersüchtig, impulsiv, ängstlich und gerne auch mal egoistisch. Ich suhle mich in Selbstmitleid und suche Anerkennung, weil ich mir selber so wenig wert bin, dass meine kaum vorhandene Selbstliebe dafür nicht ausreicht. Äußerlich wäre ich lieber wie andere Frauen, anstatt mich selber so anzunehmen, wie ich bin. Ich schaffe es nicht meinen Körper zu lieben, auch wenn ich genau das immer in der Öffentlichkeit propagiere. Ich habe unheimliche Angst vor Ablehnung und rechtfertige mich oft, weil ich mir keine Fehler eingestehen kann. Selbstzweifel. Ich bin ziemlich gut im Verdrängen. Ich bin sehr schnell genervt von anderen Menschen. Und ich kann ein richtiges Arschloch sein. Ja, wirklich. Und das war bestimmt noch nicht alles.

Es ist alles andere als schön oder befreiend dieser Wahrheit ins Auge zu sehen. Mir tut es einfach nur weh. Ja, es schmerzt sogar ziemlich doll. Ich möchte das alles am liebsten in eine Kiste packen und diese ganz tief verbuddeln. Aber all diese Dinge sind eben auch ein Teil von mir. Und so lange ich das verleugne, werde ich der Wahrheit kein Stück näher kommen.

Originalbild: Amada Jones
Alles Lüge!

Lügen ist so einfach. So bequem. So en vogue. Ich stoße keinem vor den Kopf, schlängle mich so durchs Leben und gehe damit immer den Weg ohne Widerstand. Denn was würde passieren, wenn ich Menschen ab sofort die Wahrheit sagen würde? Wie viele Freunde hätte ich dann noch? Könnte ich mich noch auf der Arbeit blicken lassen? Würde meine Familie noch Kontakt zu mir haben wollen? Das klingt jetzt auf den ersten Blick übertrieben, aber fühl doch einfach mal kurz selber nach, welche Wahrheiten du deinem Umfeld verschweigst. Das ist nicht einfach nur Höflichkeit oder Anstand. Das sind Lügen! Knallhart.

Während wir uns im echten Leben noch mehr oder weniger bemühen müssen unser Lügengerüst zusammenzuhalten, ist es in der Instawelt viel einfacher den Schein zu wahren. Und da wir alle mitmachen funktioniert das ganz wunderbar. Kann es also sein, dass wir belogen werden wollen? Ist die Wahrheit, dass wir die Wahrheit gar nicht anstreben, weil sie nicht so schön glitzert? Warum machen wir uns dann überhaupt so viel Aufwand so zu tun, als wäre uns die Wahrheit wichtig? Wem machen wir da eigentlich was vor?

Ich habe wirklich Angst vor den Konsequenzen. Und das ist paradox – Angst vor Konsequenzen der Wahrheit? Denn auch wenn ich lüge, so bleibt die Wahrheit ja dennoch bestehen. Aber wer verkraftet die Wahrheit überhaupt? Die Menschen drehen schon durch, wenn jemand ein ungeschminktes, unbearbeitetes Selfie postet. Wie ist es dann erst im echten Leben? Wir leben also nicht nur in einer Welt, in der die Wahrheit nicht gern gesehen wird, sondern in der die Wahrheit vielleicht gar nicht ertragen wird.

Denn Wahrheit tut weh.

Wie geht es jetzt weiter? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mir mein Lügen bewusst zu machen. Immer und immer wieder. Das Kartenhaus wackelt – und bevor es einstürzt, reiße ich es lieber selber ab.

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