Normopathie – Alle machen doch Selfies | #21TageohneSelfie

Normopathie

Mehr als eine Woche meiner #21TageohneSelfie Challenge sind um und ich habe mich tatsächlich mehrmals dabei erwischt, wie ich gerne ein Bild von mir gemacht hätte, wenn ich mich mal besonders schön gefühlt habe. Und ich hatte einige Male das Bedürfnis kleine Videos für meine Instastory zu machen. So oder so fiel es mir aber dann trotzdem nicht besonders schwer, das Handy links liegen zu lassen und die Challenge durchzuziehen. Viel wichtiger sind meine Gefühle, Beobachtungen und neue Erkenntnisse. Ich bin vor ein paar Tagen auf den Begriff Normopathie gestoßen, der mir vorher gänzlich unbekannt war und doch so viel über unsere Gesellschaft aussagt.

„Unter Normopathie wird eine Persönlichkeitsstörung des Menschen verstanden, die sich in einer zwanghaften Form von Anpassung an vermeintlich vorherrschende und normgerechte Verhaltensweisen und Regelwerke innerhalb von sozialen Beziehungen und Lebensräumen ausdrückt. Ein treibendes Moment hierbei ist das unter Aufgabe der eigenen Individualität übersteigerte Streben nach Konformität, das letztlich zu unterschiedlichen Beschwerdebildern und Symptomatiken führt und sich zu einem pathologischen Geschehen ausweiten kann.“

Wikipedia.de

Bedeutet im Klartext: Wir passen uns an Verhaltensweisen der Gesellschaft an, die uns krank machen können. Da es aber alle tun, hinterfragen wir es oft gar nicht. Wir möchten dazu gehören, kein Außenseiter sein – ob uns das gut tut? Egal. Wir kritisieren unser Aussehen – weil man das als Frau eben so macht. Vollkommen zufrieden mit dir selbst? Wie arrogant ist das denn bitte? Nein, wir fotografieren uns, bearbeiten uns, posten uns – und dann heißt es warten. Warten auf Anerkennung, von den anderen Normopathen, die dir einen Like schenken – weil man das eben so macht. Und dann wiederum darauf wartet einen Like zurückzubekommen.

Wer hat’s erfunden?

Warum machen wir Selfies? Wer will unsere Fotos sehen? Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich Selfies absolut lächerlich fand. Zeiten, in denen Paris Hilton Selfies gemacht hat und ich einfach nicht verstanden habe, was der Mehrwert sein soll. Fun Fact: Paris Hilton behauptet, dass sie zusammen mit Britney Spears das Selfie erfunden habe. Glückwunsch! Mittlerweile finde ich Selfies normal. Ich habe es bis vor kurzem nicht hinterfragt mich so im Internet zu präsentieren. Machen ja schließlich alle. Und je mehr Herzen ich für so ein Bild bekomme, desto besser fühlt es sich an. Wann hat sich das eingeschlichen?

Alleine gegen den Strom

Was der Mainstream macht, kann nicht falsch sein. Sonst wäre ja schon längst bekannt, wie schädlich Selfies für unsere Selbstwahrnehmung sind, oder? Wer müsste dir diese Wahrheit sagen, damit du sie glaubst? Deine Mama? Dein Hausarzt? Die Bundeskanzlerin? Warum vertrauen wir nicht auf unser inneres Gefühl, dass uns ganz deutlich spüren lässt, dass nicht alles was die Masse tut auch für uns gut und richtig ist? Warum rechtfertigen wir uns gerne mit dem Satz: Aber das machen doch alle so.

Es ist bequem sich auf Dinge zu verlassen. Nichts hinterfragen zu müssen, was ja sowieso schon alle tun. Irgendjemand wird das doch wohl mal geprüft haben, oder? Wer eigentlich? Und wenn derjenige alleine dasteht, wer hört ihm dann eigentlich zu? Es gibt zig Studien, die belegen, dass Bilder auf Instagram unser Selbstbewusstsein und das eigene Körpergefühl negativ beeinflussen. Ja, Selfies können uns krank machen. Wenn ich aber aufhören soll Selfies zu posten, dann sollen die anderen bitte auch mitmachen – sonst bringt das doch nichts, oder?

Ich sehe Selfies, auf denen ich die Unsicherheit der Menschen in ihren Gesichtern erkennen kann, ich sehe Selfies die so bearbeitet sind, dass sie einen ganz anderen Menschen zeigen, ich sehe Selfies die gepostet werden und keiner weiß so richtig warum. Muss alles einen Mehrwert haben? Nicht unbedingt. Eine Intention gibt es jedoch immer, sonst würde das Bild gar nicht erst in der Öffentlichkeit landen.

Normopathie ist nicht normal

Normopathie ist der Anpassungszwang an unsere Gesellschaft. Wären wir alle so, wie wir wirklich sind, dann gäbe es keine Stereotypen, keine Norm und folglich kein Problem. Doch durch Anpassung fühlt sich der Normopath dazugehörig, sicher, schwimmt mit der Masse und zieht nicht in Betracht, dass er sich durch jenes Verhalten vielleicht schlecht fühlen könnte – sonst müsste es ja allen anderen auch schlecht gehen. Und vielleicht ist es sogar so, aber wer würde das schon zugeben?

Und so befinden wir uns in einem Teufelskreis der scheinbaren Normalität. In dem fast jeder schweigt und mitmacht. Aus Angst komisch, anders oder arrogant zu wirken. Bis wir uns so sehr vom eigenen Leben entfremdet haben, dass wir irgendwann an einen Punkt kommen, an dem wir uns fragen, wer wir eigentlich wirklich sind und wie wir hierhin gekommen sind. Das klingt jetzt bezogen auf ein Selfie möglicherweise überzogen und dramatisch – aber ist es das wirklich?

Vincent van Gogh
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