Narziss und das wahre Selbst | #21TageohneSelfie

Narziss

Es war einmal einen Jüngling, Narziss war sein Name, der fand sich selbst so wunderschön, dass er sein Spiegelbild immerzu im See bewundern musste. Er war so von sich fasziniert, dass er eines Tages das Gleichgewicht verlor, in den See fiel und ertrank. Diese Geschichte aus der griechischen Mythologie habe ich jetzt stark verkürzt, denn es geht einzig um die Message dahinter, die so wunderbar zu meiner #21TageohneSelfie Challenge passt. Was macht unser Spiegelbild mit uns und was machen wir mit unserem Spiegelbild?

Während Narziss sein Selbstbild nur mit sich selbst teilte, leben wir mittlerweile in einer Welt, in der wir nicht nur das Bedürfnis haben, unser Aussehen ständig zu optimieren, sondern wir teilen unser Selbstbildnis auch im Überfluss mit der ganzen Welt – oft, ohne zu hinterfragen, warum wir das eigentlich tun. Wer will das überhaupt sehen? Und warum? Wir zeigen uns von unserer besten Seite, bearbeiten unser Gesicht und den Körper mit Photoshop, Facetune und Snapseed. Wir gaukeln nicht nur unserem Umfeld eine verfälschte Realität vor, sondern auch uns selbst. Wir sammeln Likes, um unser Selbstvertrauen zu stärken und fangen an zu zweifeln, sobald die Komplimente ausbleiben. Also zeigen wir uns streng genommen von unserer scheinheiligsten Seite.

Narzisstischer als Narziss

Während Narziss ins Wasser schaute, blicken wir in die technische Unendlichkeit des Smartphones. In unser unnatürliches Spiegelbild, in dem wir nicht ertrinken, egal wie tief wir blicken. Narziss wurde aus seinem Gefängnis aus übermäßiger Selbstverliebtheit befreit. Unfreiwillig. Doch heute ist es eben nicht mehr der kleine Teich, in dem wir uns spiegeln und ertrinken können – es ist viel mehr. Ein riesiges Meer aus verzerrten Spiegelbildern, die uns einfach nicht reichen, um uns selbst lieben zu können. Egal wir oft wir uns fotografieren, bearbeiten und posten. Erreichen wir nicht eine Mindestanzahl von Likes, ist das Bild unbrauchbar.

Photo by Stefanos Kogkas on Unsplash
Wen suchen wir da in unserem Spiegelbild?

Was hat Narziss dazu getrieben immer und immer wieder in den Teich zu gucken? Wollte er wirklich nur sein schönes Äußeres betrachten oder wollte er vielleicht noch mehr finden? War er womöglich auf der Suche nach sich selbst? Und sind wir das vielleicht auch? Ist das Selfie Ausdruck unserer Suche nach uns selbst? Denn wenn wir wüssten, wer wir sind, dann müssten wir nicht ständig nachgucken, oder? Und wann haben wir uns eigentlich verloren?

Seit Jahrzehnten sind wir Menschen von einem utopischen Schönheitswahn umgeben, dem nur sehr wenige gerecht werden können. Alle anderen hecheln verzweifelt irgendwelchen Idealen hinterher, die sie in diesem Leben wohl nie erreichen werden. Das Resultat: Unzufriedenheit, geringes Selbstvertrauen, verschobene Selbstwahrnehmung.

Das leise Ertrinken

Narziss hat sich im Wasser in seiner ganzen Reinheit gesehen. Ohne Filter, ohne Korrektur, ohne 20 Versuche. Einfach nur sich. Und in diesem Bild ist er gestorben. Wir bekommen den schleichenden innerlichen Sterbeprozess heute nicht mehr mit. Je weiter wir uns von uns selbst wegbewegen, in dem wir nur noch einem vermeintlichen Schönheitsideal hinterherlaufen, desto größer wird die Distanz zu unserer Selbstwahrnehmung, unserem Selbstwertgefühl und der eigenen Selbstliebe. Wir werden immer mehr zu einer schönen Hülle, die nach Anerkennung lechzt und höhlen uns dadurch innerlich aus.

Selfie nach Innen

Aber kann man sich selbst überhaupt erkennen, wenn man in den Spiegel guckt? Wohl kaum. Der Blick nach innen ist im Laufe der Geschichte immer unüblicher geworden, aber ganz sicher einen Blick wert. Denn alles was wir dort finden, kann nicht mit einem Filter oder Photoshop bearbeitet werden. Scheuen wir uns deswegen so sehr davor einen Blick zu riskieren? Dafür gibt es keine Likes, keine Kommentare oder Follower, aber dafür einen Blick auf das, was wirklich ist. Unverblümt und klar.

Streng genommen kommt das Wort Selfie von Self, also Selbst. Doch vom Selbst kann man kein Foto machen, sondern nur vom Gesicht oder dem Körper. Wollen wir also wirklich ein Selfie machen, ein Bild von unserem Selbst, dann lasst uns das Smartphone weglegen und im Gegensatz zu Narziss den Sprung ins kalte Wasser bewusst wagen, um in unser wahres Selbst einzutauchen.

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