Tag 10 – Bittersüß

Du übertreibst. Du bist zu extrem. Du willst mir doch nur ein schlechtes Gewissen machen. Du bist voll der Moralapostel. So schlimm ,wie du sagst, kann es gar nicht sein. Immer redest du alles schlecht.

Seit 10 Tagen verzichte ich nun auf Zucker. Und seit Tag 1 kommen Aussagen wie diese bei mir an. Schon aus meiner letzten Challenge bin ich es gewohnt, als zu extrem betitelt zu werden. Aber heute möchte ich doch einmal darauf eingehen, wieso das eigentlich passiert. Wieso Menschen Texte lesen und sich angegriffen fühlen. Wieso Menschen Videos gucken und aggressive Kommentare schreiben. Und wieso das nur selten etwas mit dem Impulsgeber zu tun hat.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich werde mich nicht rechtfertigen für meine Anti-Zucker-Haltung. Warum? Weil ich das nicht brauche. Ich greife niemanden an, ich gebe Impulse. Und ich stehe zu 100% hinter meinen Texten.

Warum finden mich also Menschen extrem? Weil sie das Gefühl haben, dass ich an ihrem feststehenden Weltbild rüttele. Und zwar ziemlich doll. Den meisten ist bewusst, dass Zucker nicht gesund ist – aber seinen Lebensstil ändern, das möchte trotzdem keiner so wirklich. Führe ich jetzt also auf, was Zucker alles so mit uns macht und, dass er vielleicht noch viel gefährlicher ist, als wir geahnt haben, dann versteht unser Neocortex, der Teil unseres Gehirns, der unser Weltbild immer schön aufrecht erhält: Angriff. Und Zack. Das Stammhirn wird aktiviert. Und das Stammhirn hat dann zwei Dinge zur Auswahl: Kämpfen oder Flüchten. Die, die flüchten, werden vermutlich nie wieder einen Text von mir lesen – oder nur heimlich. Und die, die kämpfen, die greifen an. Allerdings nicht ihren Zuckerkonsum – sondern mich. Weil ich in deren Augen die Böse bin, die überhaupt erst mit dem Thema angefangen hat. Die diese harmonische Welt, in dem Fall die Zuckerwelt, in deinem Kopf angeknackst hat. Und wenn diese Harmonie nicht mehr besteht, dann nennt man diesen Zustand Kognitive Dissonanz.

kognitive-dissonanz-1Kognitive Dissonanz bezeichnet also einen Zustand, der als sehr unangenehm empfunden wird. Und zwar durch Dinge, die sich mit der eigenen Meinung, dem eignen Weltbild oder den eigenen Gefühlen nicht vereinbaren lassen. Solche Dissonanzen erleben wir ziemlich oft. Und je außergewöhnlicher das Thema, desto schwerer sind sie für uns zu ertragen. Weil alles, was nicht der Norm entspricht auch nicht in unser gesellschaftliches Weltbild passt. Deshalb tun wir alles dafür wieder eine Resonanz, also Harmonie, herzustellen. Eben in Form von Relativierung wie So schlimm kann Zucker ja gar nicht sein. Ich nasche ja nur ab und zu. Die Dosis macht das Gift. Oder es wird eben der Impulsgeber, in dem Fall ich, angegriffen, indem man mich als extrem oder übertrieben bezeichnet.

Wie das Gesetz der Kognitiven Dissonanz aber ganz klar zeigt, bin nicht ich das Problem, sondern das eigene Weltkonstrukt, das man sich über die Jahre aufgebaut hat und an dem man festhält. Ich bin lediglich die, die mit ihren Texten Impulse gibt. Ich fasse Informationen in Kurztexten zusammen und veröffentliche sie. Was dann damit passiert, liegt nicht mehr in meiner Verantwortung. Wir sind schließlich alle erwachsen und damit auch selbstverantwortlich. Heißt: Wer meine Texte liest, der kann die Information auf sich wirken lassen. Information ist in sein Ursprung nämlich immer neutral und wertfrei. Oder er kann eben aus diesen Informationen Interpretationen machen, die ich aber niemals geschrieben habe.

Sich selbst zu reflektieren und mal zu hinterfragen, warum wir einen Text so verstehen, wie wir es eben tun, ist anfangs nicht so leicht. Aber je öfter wir uns klar machen, dass wir für uns selbst verantwortlich sind und eben nicht immer die anderen Schuld daran sind, dass man keine Ambitionen hat, sein Selbstbild mal zu prüfen oder etwas zu verändern, desto einfacher wird es uns fallen, uns nicht immer direkt angegriffen zu fühlen. Sondern eine Information als das wahrzunehmen, was sie in Wirklichkeit ist. Eben eine Information. Die wir entweder annehmen, ablehnen oder ignorieren können.

Also lass dich nicht mehr auf ihn ein. Auf den bittersüßen Tanz mit der kognitiven Dissonanz.

 

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8 Kommentare

  1. Über eine Freundin bin ich auf deinen Blog aufmerksam geworden und verfolge ihn relativ regelmäßig.
    Was ich etwas an der NoSugar-Challenge vermisse ist deinen persönlichen Bezug. Ja, Zucker ist schlecht und wir sind alle abhängig. Ja, Menschen schreiben im Internet böse Dinge.

    Aber wie geht es dir während der Challenge? Hast du kein Heißhunger? Denkst du nicht beim Bäcker nebenan „und jetzt schnell ein Brötchen?“ Hast du nicht beim Essen gehen schnell das Gefühl von Verlust?

    Das Zucker schlecht für uns ist wissen wir alle. Ich würde es spannender finden etwas darüber zu lesen, wie sich die Challenge im Alltag umsetzen lässt. Und ganz ehrlich: es lauern ohne Ende Fallen und Gefahren! Und sei es nur dein beschriebener Süßigkeitenkorb bei der Arbeit.

    Ich bin erst seit drei Tagen dran und muss ehrlich sagen: ich geh durch die Hölle. Eiskalter Entzug. Davon lese ich leider gar nichts in deinem Blog. Ich habe das Gefühl, du spazierst da einfach so durch.

    • Liebe Marlene,
      Das was du vermisst habe ich eher bei Instagram oder snapchat erzählt. Aber ich schreibe gerne einen ganzen Text dazu.
      Bei mir geht es mit den Heißhunger Attacken tatsächlich ganz gut. Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich gerade natürlich nicht in Cafés oder Bäckereien gehe. Und zum Essen verabrede ich mich gerade auch nicht sondern koche jeden Tag selbst. Aber du hast recht. Einen solchen Artikel gab es so konkret noch nicht. Danke für den Tipp – kommt!

      Liebe Grüße
      Serin

    • Liebe Marlene,

      im heutigen Text zu Tag 11 habe ich versucht auf deine Wünsche einzugehen. Vielleicht bringt es dir ja was.

      Liebe Grüße

      Serin

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