Bahnhofsliebe 

bahnhofsliebe

Da stehen wir wieder am Bahnhof. Sprechen die Durchsagen mit. Schließen Wetten ab, wie viele Minuten der Zug heute zu spät kommt. Hiefen den Koffer schon mal zu Abschnitt B, weil wir wissen, dass man da den besten Platz im Zug bekommt. Trinken den überteuerten Smoothie, den wir im noch viel überteuerten Bahnhofssupermarkt gekauft haben. Und setzen uns schließlich auf unsere Stammbank.

Unsere Beziehung ist eine Bahnhofsliebe.

Wenn in Tatsächlich…Liebe gesagt wird, dass der Flughafen ein Ort der Liebe ist, dann gilt gleiches auch für den Bahnhof. Und doch macht dieser Ort auch ebenso traurig. Sich immer wieder zu Verabschieden tut weh. Noch ein Kuss. Noch ein Kuss. Noch ein Kuss. Kann es jemals genug geben? Und dann schließt die Tür. Und der Wagen rollt los.

Klar. Eine Beziehung sollte immer in Bewegung bleiben. Höhen und Tiefen durchqueren. Aber so geht’s in die falsche Richtung. Irgendwie rückwärts.

Dann stehe ich allein am Bahnsteig. Und es fühlt sich jedes Mal ein bisschen schlimmer an. Abschied war noch nie mein Ding – und das wird es auch niemals werden. Für wie lange ist es dieses Mal?

Bahnhofsliebe bedeutet ständige Planung. Bahnhofsliebe bedeutet Dates nach Fahrplan. Bahnhofsliebe widerspricht jeglicher Spontanität. Bahnhofsliebe zerrt an unseren Kräften. Und an der Geldbörse. Bahnhofsliebe bedeutet keinen gemeinsamen Alltag zu haben. Bahnhofsliebe heißt aus dem Koffer leben.

Kann man an einem Strang ziehen, wenn man in zwei verschiedene Richtungen fährt? Wie viel Hallo und Tschüss hält die Liebe aus? Oder hält Distanz eine Beziehung vielleicht sogar frisch? Quasi das goldene Ticket zur Alltagsvermeidung?

Schon klar. Es gibt keinen Liebesfahrplan, der einem sagt, wie oft man sich sehen sollte, um eine gesunde Beziehung zu führen. Oder wie oft man sich eben nicht sehen sollte. Aber wenn die Sehnsucht unendlich groß ist, dann ist jeder gut gemeinte Rat hinfällig. Denn auch wenn Bahnhofsliebe kompliziert klingt, ist das trotzdem keine Beziehung zweiter Klasse.

Bahnhofsliebe heißt nämlich auch viele erste Dates. Bahnhofsliebe ist viel Brauchkribbeln beim Warten an Gleis 2…oder 7. Bahnhofsliebe bedeutet verliebte Blicke beim gemeinsamen Nachhauseschlendern. Und kein Tag wird auf der Couch vergeudet. Denn man will die rare gemeinsame Zeit ja nutzen.

Bahnhofsliebe lehrt einen die alltäglichen Dinge mehr zu schätzen. Nebeneinander einschlafen und aufwachen. Zusammen einkaufen und anschließend gemeinsam kochen. Spazieren und quatschen.

Irgendwann wird der Tag kommen, an dem aus unserer Bahnhofsliebe eine gewöhnliche Beziehung wird. Der Tag, an dem wir aussteigen. Der Tag, an dem wir wieder die Kontrolle übernehmen. Der Alltag.

Aber bis dahin heißt es:

Ihr Liebling hat auf Grund von Bauarbeiten heute ca. 15 Minuten Verspätung.

 

 

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