Auf Abstand

IMG_4837Ich stehe an der Bahnhaltestelle. Das Gleis ist recht übersichtlich. Nur ein paar Menschen tummeln sich an diesem späten Vormittag am Bahnsteig. Eine Frau verbrennt sich die Zunge an ihrem Café Latte to go. Eine andere Frau wippt den Kinderwagen, um ihr quengelndes Kind zu beruhigen. Klappt eher semi. Ich stehe mit viel Abstand zu den anderen Menschen, Stöpsel in den Ohren. Im Schaufenster gegenüber versuche ich zu erkennen, ob ich meine Hose richtig zugemacht habe, bevor ich das Haus verlassen hab. Plötzlich geht jemand so knapp vor mir auf dem Bahnsteig entlang, dass ich einen Satz nach hinten mache. Es ist so viel Platz. Wieso gehen Menschen immer so knapp an einem vorbei? Wieso haben sie scheinbar immer das Bedürfnis einen fast oder sogar tatsächlich zu berühren? Ich setze meinen Todesblick auf, verschränke meine Arme vor mir, schreie in meinem Kopf geht’s noch? und warte weiter auf die Bahn.

In einem Linguikstikseminar haben wir uns einmal dem Thema Distanzzonen gewidmet. Je nach sozialem und kulturellem Grad, hält man automatisch einen gewissen Abstand zu seinem Gegenüber. Das passiert ganz unterbewusst. Aber manche sind in dieser unterbewussten Handlung wohl etwas gestört. In öffentlichen Zonen ist der normale Abstand sogar über drei Meter groß. Man will also möglichst weit weg von allen sein. Zurecht! In sozialen Situationen, also Menschen mit denen wir reden, die uns aber nicht so vertraut sind, fängt der Abstand bei einem Meter zwanzig an und kann tatsächlich auch bis zu drei Meter groß sein. Erst bei Freunden oder der Familie, lassen wir unser Gegenüber ein bisschen näher ran. Bis zu fünfzig Zentimeter. Wie großzügig. Alles darunter fällt in die sogenannte intime Zone.

Also warum zum Teufel kommen fremde Menschen manchmal auf die Idee in unsere persönliche Zone einzudringen, ohne wenigstens anzuklopfen? Und vor allem, wenn überall Platz ist. Am schlimmsten sind aber die Leute, die sich genau neben einen stellen. Die sich in der Bahn neben einen setzen, obwohl alles frei ist. Deren Atem du in deinem Nacken spüren kannst, wenn du am Supermarkt an der Kasse stehst. Oder der Kollege, der dir auf der Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes über die Schulter guckt.

Abstandhalten hat aber nicht nur etwas mit der Persönlichkeit zu tun, sondern auch mit dem kulturellen Hintergrund. So halten Japaner zum Beispiel mehr Abstand, als Europäer. Südamerikaner und Araber haben wiederum kein so großes Problem damit, auf Tuchfühlung zu gehen.

Aber warum ist es so unangenehm, wenn einem ein Fremder zu Nahe kommt? Wieso fühlt man sich bedrängt, wenn jemand direkt neben einem steht?

Ich stelle mich an der Haltestelle jetzt immer ans Geländer und strecke meine Füße aus. Wollen wir doch mal sehen, wer sich noch in die Kuschelzone traut.

Gefällt dir mein Blog? Dann unterstütz mich doch mit einem Matchatee 🍵

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.