Leben und leben lassen

IMG_3844Wir stehen mitten in Kuala Lumpur. Es regnet. Es ist stickig. Alles ist laut. Voll. Wuselig. Es riecht nach Curry. Nach Durian. Nach gebratenem Reis. Nach Müll. Nach Räucherstäbchen. Plötzlich hören wir den Muezzin. Er ruft aus einer Moschee zum Gebet. Die Moschee ist riesig. Wir gehen die Straße weiter. Und kriegen die Kinnlade gar nicht mehr hoch. Ein riesiger indischer Tempel. Kunterbunt. Aufwendig verziert. Wir schauen durch eine Tür. Wir hören Musik. Wir sehen einen riesigen Buddha. Viele Blumen. Viele Farben. Wir ziehen unsere Schuhe aus und wickeln uns ein Tuch um unsere nackten Beine. Leise und schüchtern treten wir ein. Und lassen diesen spirituellen Moment auf uns wirken. Keiner traut sich zu sprechen. Wir erleben einfach. Nach der Zeremonie laufen wir weiter. Nicht unweit entdecken wir einen chinesischen Markt. Überall kitschige rote Lampen, winkende goldene Kätzchen. Wir setzen uns in einfaches chinesisches Restaurant, bestellen gebratene Nudeln mit Wasserspinat und gucken uns ungläubig an. Kann das wirklich sein? Leben hier so viele verschiedene Kulturen miteinander? Ohne Konflikte? Ohne Hass? Einfach so? Als wär nix gewesen?

Auf der dreiwöchigen Reise durch Malaysia sprechen wir mit vielen Taxifahrern, Kellnern, Hotelbesitzern oder einfach mit Menschen, die wir auf der Straße kennenlernen. Und wir stellen die immer gleiche Frage: Lebt ihr hier wirklich einfach friedlich miteinander? Ohne Probleme? Und auf diese Frage bekommen wir die immer gleiche Antwort: Ja!

Sollte Malaysia womöglich ein Vorbild für die ganze Welt sein und keiner weiß es? Kann es also doch klappen, dass man seinen Nachbarn einfach respektiert, egal welcher Religion er angehört, egal welche Hautfarbe er hat, egal welche Sprache er spricht? Kann es wirklich so einfach sein?

Wir saßen neben Moslems im indischen Restaurant. Sie holen Essen für die ganze Familie zum Mitnehmen. Wir sehen lachende Schulmädchen im Bus. Manche mit Kopftuch, andere ohne. Aber alle in der gleichen Schuluniform. Wir sehen Straßenschilder auf Malaiisch. Manche auf Arabisch. Manche auf Chinesisch. Ab und zu etwas auf Indisch. Wir gucken Nachrichten auf Indisch mit malaiischem Untertitel. Oder chinesische Telenovelas mit malaiischem Untertitel. Hier ist alles möglich. Zugegeben. Europäer gibt es hier nicht viele. Aber dann wird einfach neugierig nachgefragt wer wir sind und was wir in Malaysia so machen. Und dann erklären wir uns. Und dann werden wir angelächelt. Weil die Menschen sich freuen, dass wir ihr wundervolles Land besuchen. Dieses Land ist bestimmt nicht perfekt. Es hat noch so einige Probleme wie Umweltschutz oder Homophobie. Aber Zusammenleben. Das haben sie drauf, die Malaien.

Wieso klappt das? Und wieso klappt das bei uns nicht? Wovor haben wir Angst? Vor dem Unbekannten? Warum machen wir alles immer so kompliziert? Wieso freuen wir uns nicht, dass so viele verschiedene Kulturen bei uns leben wollen? Warum sehen wir das nicht als Bereicherung, sondern als Gefahr?

Ich bin fasziniert. Und das macht mich traurig. Denn ich bin fasziniert davon, dass Menschen ihre Mitmenschen einfach leben lassen.

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