Die Neue

Es gibt eine Lebensweisheit, die habe ich schon in frühen Jahren gelernt. Ich lag abends in meinem Kinderbett, drehte das zehnte Mal die Kassette um und dann sagte Bibi Blocksberg einen Satz, der mich bis heute prägen sollte: Wen ich nicht kenne, den mag ich erstmal. Sie sagte diesen kurzen, aber eindrucksvollen Satz zu Tina, die sie vor dem bösen Hufschmied warnen wollte, der in echt natürlich total nett war. Aber das konnte Bibi ja nicht ahnen. Sie konnte es nur herausfinden, indem sie sich selbst ein Bild macht und ihn kennenlernte.

Sich selbst ein Bild machen? Viel zu einfach. Lieber lassen wir uns warnen, uns Dinge über die Neue erzählen. Erzählen die Dinge wiederum weiter, obwohl wir mit der Neuen immer noch nicht ein Wort gesprochen haben. Wir haben schließlich dies und das gehört. Ihre ganze Akte studiert. Und dann weiß die ganze Clique Bescheid: Mit der wollen wir nichts zu tun haben.  

Wieso machen wir es uns so einfach? Wieso urteilen wir so schnell? Wieso vertrauen wir lieber auf die Meinung anderer? Weil es unsere Freunde sind? Weil wir ihnen blind vertrauen können? Was spricht dagegen neue Leute kennenzulernen? Ganz ohne Vorurteile?

Wieso müssen kleine blonde Mädchen immer ätzend sein? Wieso müssen Lehrerinnen langweilig sein? Wieso müssen selbstbewusste Mädels arrogant sein? Warum müssen Südländerinnen immer R’n’b-Tussis sein? Wieso müssen Pferdemädchen spießig sein? Und woher wissen wir das alles? Wir haben es gehört. Und das reicht uns. Die können wir zack einordnen und weitergehen. Kein weiteres Kennenlernen nötig.

Wenn das immer so laufen würde, dann hätten wir keine Freunde. Wenn ich jedes Mal auf die Warnungen gehört hätte, dann hätte ich sehr viele interessante Leute nicht kennengelernt. Aber auch einige Arschlöcher wären mir erspart geblieben. Muss man aber dieses Risiko nicht einfach eingehen? Und was ist, wenn mir jemand als supertoll angepriesen wird, den ich dann total bescheuert finde? Wie eine Fake-Bewertung auf Amazon. Und auf die fall ich doch auch nicht rein?! Aber manchmal eben doch. Da will ich einfach glauben, dass das Produkt toll ist oder eben nicht. Und wenn ich schon in der Bewertung lese, dass es nix ist, dann kauf ich es auch nicht. Obwohl es mir vielleicht gefallen hätte.

Ich frage mich wie Leute mich eigentlich ankündigen? Wie viele Sterne hätte ich auf Amazon? Wurde vor mir auch schon mal gewarnt? Und wenn ja, wie? Können wir selber bestimmen wie wir auf andere wirken? Oder passiert das einfach?

In Bibi und die neue Freundin (Achtung, Spoiler-Alert!) war die kleine Hexe übrigens überhaupt nicht vorurteilsfrei und machte Moni vor der ganzen Klasse lächerlich, nur weil sie vom Land kommt. Die Leute vom Land sind schließlich dumme Bauern. Das hat sie zumindest gehört.

Gefällt dir mein Blog? Dann unterstütz mich doch mit einem Matchatee 🍵

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.