Gegen den Strom

Ich liebe Wasser. Schwimmen, Schnorcheln, sich einfach mal treiben lassen. Ich finde es faszinierend, dass man sich einfach auf den Rücken legen und mit dem Strom gleiten kann, ohne was zu tun. Auch im echten Leben habe ich genau das lange so gemacht. Ich bin mit dem Strom geschwommen. Ich habe mich mitreißen lassen. Ganz sorglos. Das war für mich normal. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Denn ich kannte nur diese Richtung. Ich wusste nicht, dass es überhaupt noch eine andere Richtung gibt. Gegen den Strom zu schwimmen war für mich bisher nicht mehr als eine ausgelutschte Floskel.

Seit meiner Kindheit habe ich all das getan, was mein Umfeld auch tut. Habe nur wenig hinterfragt. Warum sollte ich auch? Wenn irgendwas daran nicht richtig oder gut für mich wäre, dann würde mir das doch jemand sagen, oder? Mit diesem kindlichen Gedanke habe ich mein Verhalten für mich selber bislang immer gerechtfertigt. Ich habe stets der Schwarmintelligenz vertraut. Und so hätte es immer weiter gehen können. Schließlich war es richtig schön bequem und gemütlich.

Doch eines Tages war plötzlich etwas anders. Ich saß gerade mitten in meiner Komfortzone, die ich mir all die Jahre so liebevoll eingerichtet hatte. Dort, wo ich mich so sicher fühlte. Wo ich nichts hinterfragen musste, mir keine Sorgen machen musste und keine Verantwortung für mein Verhalten übernehmen musste. Ich schipperte also Strom abwärts, wie ich es immer tat. Doch in einem kurzen Augenblick, in einer Millisekunde, habe ich plötzlich jemanden gesehen, der nicht mit in dieselbe Richtung schwamm. Und noch einen. Und irgendwann noch einen. Ich war geschockt, denn ich habe plötzlich erkannt, dass es nicht nur die eine Richtung gab, in die die meisten schwimmen. Wie konnte ich das so lange nicht bemerkt haben?

Und plötzlich habe ich verstanden, dass ich nicht schwimme, sondern, dass ich treibe. Ich tue gar nichts aktiv. Ich treibe jeden Tag weiter von der eigentlichen Quelle des Ursprungs meines Handelns weg. Dass ich fast schon so weit vom Anfang entfernt bin, dass ich gar nicht mehr erahnen kann, warum ich das tue, was ich eigentlich tue. Warum ich so handle, wie ich jeden Tag handle. Warum ich denke, dass ich selbstbestimmt und bewusst lebe. Tue ich das wirklich?

Um das herauszufinden, gab es für mich ab diesem Zeitpunkt nur einen Weg: Den Weg zurück. Den Weg Strom aufwärts. Welche Konsequenzen diese Entscheidung haben würde, habe ich ehrlich gesagt damals nicht erahnt. Ich dachte, dass ich eben einfach umdrehe und zurückschwimme. Dass ich dann bewusst leben würde und mein Handeln bewusst entscheide.

Doch sich erstmal für diesen Schritt zu entscheiden und dann auch wirklich den ersten Schwimmzug zu machen, hat gedauert. Zu groß war meine Angst es alleine nicht zu schaffen. Zu groß die Sorge, wie mein Umfeld reagieren würde. Klar, ich habe Menschen gesehen, die an mir vorbei in die andere Richtung geschwommen sind. Aber das waren richtig gute Schwimmer, mit Kraft, Ausdauer und Selbstbewusstsein. Voller Zweifel entschloss ich mich schließlich doch los zu schwimmen. Zu groß war das beklemmende Gefühl nicht selbstbestimmt zu leben. Ich drehte mich also um und schwamm los.

Rosengartenschlucht Tirol

Warum wollte ich also raus aus der Komfortzone? An dem Tag, an dem ich für mich verstanden habe, dass ich in einem Dämmerzustand lebe, in dem ich mein Handeln nicht bewusst entscheide, habe ich für mich aber zumindest eine Sache bewusst entschieden: Für mein bequemes Leben soll niemand anderes leiden müssen. Weder andere Menschen, noch Tiere, noch die Umwelt. Ich habe mit mir vereinbart, dass ich nicht das Recht habe, mich über andere Lebewesen zu stellen, nur weil andere das auch machen. Weil Schwarmintelligenz nicht immer bedeutet, dass es richtig ist, nur weil es alle machen. Ich habe mich dazu entschlossen der Geisterfahrer im Fluss zu sein, wenn ich dadurch in Frieden und Harmonie mit meiner Umwelt leben kann.

Und wenn ich mich anfangs wirklich allein gefühlt habe, so sehe ich mittlerweile, dass es immer mehr Menschen gibt, die ihre Komfortzone verlassen. Ich habe vor ein paar Tagen über das Gesetz der Anziehung geschrieben. Und genau das hat dazu geführt, dass ich mittlerweile so vielen Menschen begegne, die gegen den Strom schwimmen. Die sich Gedanken über die Umwelt machen. Die Verantwortung für ihr Tun übernehmen.

Strom in Imst

Bin ich jetzt ein besserer Mensch? Verurteile ich alle, die nicht so leben wie ich? Wer wäre ich, um mir anzumaßen so zu denken? Natürlich wünsche ich mir, dass irgendwann kein Mensch, kein Tier und unsere Erde nicht mehr leiden müssten. Dass jeder Verantwortung für sein Verhalten übernimmt und nicht einfach nur mit den Schultern zuckt. Doch ändern kann ich nur mich allein. Ich übernehme nur für mich selbst die Verantwortung. Deshalb kann ich auch nur über mich selber urteilen. Ich gebe gerne Informationen oder Hilfestellung, wenn jemand mitschwimmen möchte. Aber los schwimmen muss jeder für sich selber.

Wenn man einmal angefangen hat gegen den Strom zu schwimmen und sich auf den Weg zur Quelle macht, dann ist das ein Weg der Selbstbegegnung. Auf diesem Weg habe ich mich neu kennengelernt. Ich habe gemerkt, dass es da noch so viel mehr gibt, was mein Leben bereichern kann. Dass mich ein bewusstes Leben erfüllt, weil ich jeden Schritt selber bestimme. Und auf diesem Weg werde ich immer wieder Hindernisse meistern müssen und gleichzeitig entdecke ich immer neue Wege, neue Geschichten und neue Schwimmer.

Hesse - Gegen den Strom

4 Kommentare

  1. Sehr schön geschriebener Text.
    Gegen den Strom zu schwimmen ist eine sehr starke Entwicklung.
    Man stößt des öfteren mal auf Unverständniss für sein Handeln und dennoch ist es für einen selbst genau das Richtige.

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