Keine Reaktion.

shhh

Als wir vorletztes Wochenende endlich mal wieder im Theater waren, ist mir eins wieder aufgefallen. Dieses ständige Husten. Sobald wir wissen, dass wir ruhig sein müssen, wird der Husten noch viel schlimmer, als er ursprünglich war. Wir können ihn nicht unterdrücken. Denn Husten ist ein Reflex. Eine mechanische Reaktion des Körpers. Es ist ein Schutzreflex, der Fremdkörper oder Sekret aus den Atemwegen rauswirft. Unser Körper hat so einige praktische Reflexe. Wie auch nießen. Oder wir schließen die Augen, wenn es zu hell ist oder etwas auf uns zufliegt. Bei einem Schlag auf unser Knie oder in die Kniekehle, reagiert dieses automatisch mit einer Gegenregulation, um nicht zu stürzen. Gegen all diese Reflexe können wir uns nicht wehren. Sie passieren einfach. Sie sind angeboren und unkonditioniert. Sie sind überlebenswichtig.

Doch es gibt Reflexe, die sich in unsere Psyche eingeschlichen haben und dort eigentlich nix verloren haben. Und diese Reflexe sind schwer zu erkennen und noch schwerer wieder loszuwerden. Vor ein paar Wochen habe ich das erste Mal verstanden, was damit gemeint ist.

Es ist der Reflex reagieren zu müssen, wenn uns jemand verbal attackiert, beleidigt, provoziert, oder erzürnt. Wenn wir uns angegriffen fühlen, dann wollen wir uns verteidigen. Wir wollen uns rechtfertigen. Wir wollen uns erklären. Und genau in diesem Kommunikationsreflex, in dieser Reaktion, liegt ein Problem, das uns immer wieder zum Verhängnis wird.

Warum fühle ich mich angegriffen, wenn jemand sagt, dass alle Araber Terroristen sind, dass ungeschminkte Frauen hässlich sind, dass Journalisten Lügner sind? Weil ich mich mit diesen Aussagen identifiziere. In meinem Kopf spielt sich dann ab: Ich bin Araberin. Ich bin ungeschminkt. Ich bin Journalistin. Und dann denke ich ganz schnell: Das kann ich so nicht stehen lassen. In dieser Wut beginne ich auf diese Aussagen zu reagieren. Ich antworte emotional, will erklären, dass man sowas nicht verallgemeinern kann, rechtfertige mich und zähle auf, wie viele Araber, ungeschminkte Frauen und Journalisten ich kenne, auf die diese Aussagen nicht zutreffen. Ich bin verletzt. Ich bin sauer. Und ich begebe mich im schlimmsten Fall auf dasselbe Niveau und werde auch beleidigend. Dann würde ich mich wochenlang über diese Beleidigungen aufregen und vielleicht noch nach Jahren erzählen, wie wütend ich immer noch bin, dass jemand so etwas zu mir gesagt hat. Eine direkte Reaktion kann nur emotional ausfallen, weil ich noch nicht eine Sekunde darüber nachgedacht habe – denn meine Rechtfertigungen schießen aus meinem Mund, wie eben ein Reflex.

Bis vor einiger Zeit wäre das genau so abgelaufen. Aber dann habe ich etwas erkannt. Dieser Reflex auf eine Äußerung sofort zu reagieren ist nicht angeboren. Dieser Reflex ist nicht natürlich. Diesen Reflex haben wir uns selber mit aller Mühe antrainiert bzw. wir haben ihn imitiert. Dieser Reflex sorgt für eine gewalttätige Kommunikation in unserer Gesellschaft. Niemand will sich beleidigen lassen. Jeder will seine Ehre verteidigen. Alles wird persönlich genommen. Kaum einer lässt irgendwas stehen. Wir wollen antworten, unseren Senf dazu geben, gut dastehen und unser Ego verteidigen.

Aber was ist die Lösung? Keine Reaktion! Und das klingt einfacher, als es ist. Als ich das zum ersten Mal gehört habe, dachte ich: Okay, kein Problem. Ich bleibe total cool und gelassen. In einer emotional aufgeladenen Situation kommt man anfangs dann aber doch an seine Grenzen.

Was passiert, wenn ich nicht reagiere? Wenn ich eine Aussage einfach so stehen lasse, wenn ich solche Aussagen nicht annehme, wenn ich sie verfliegen lasse? Dann können sie mir nichts. Dann sind es einfach nur gesprochene oder geschriebene Worte. Worte die nichts mit mir zu tun haben, weil ich ich mich nicht mit ihnen identifiziere. Araberin. Ungeschminkt sein. Journalistin. Das bin alles nicht ich. Ich bin ein Mensch. Ich bin eine Frau. Das ist meine wahre Natur. Diese vermeintliche Identität ist konditioniert. Von unserem Umfeld, Eltern, Medien: Du bist dick. Du bist dumm. Du bist Deutschland. Du bist katholisch. Attribute, die uns angeblich ausmachen – mit mir als Mensch aber nichts zu tun haben. Trotzdem fangen wir irgendwann selbst an, uns in diese Schubladen zu stecken. Und wenn jemand diese Schubladen öffnet und Dreck reinwirft, dann fühlen wir uns beschmutzt. Dabei haben wir nichts in dieser Kommode verloren. Wenn wir uns nicht mit diesen Eigenschaften identifizieren, dann sind wir nicht angreifbar und nicht verletzbar.

Aber wie schafft man es jetzt einfach nicht mehr zu reagieren? Wie bekommt man es hin, dass man sich nicht angegriffen oder verletzt fühlt? Metaebene! Als mir bewusst wurde, dass ich automatisch auf Aussagen reagiere, habe ich mir in einem Moment, in dem ich normalerweise genau das getan hätte, einfach erstmal kurz innegehalten und mich selbst beobachtet. Wieso werde ich gerade sauer? Was ist das genau? Was will mein Gegenüber mit seiner Aussage erreichen? Wieso trifft mich das? In dieser Beobachtung ist der erste automatische Reflex schon überwunden. Weil ich in diesem Moment ganz bewusst bin. Als würde ich von oben drauf schauen. Und dann sehe ich vielleicht, dass ich provoziert oder verletzt werden soll. Dass mein Gegenüber vielleicht nur witzig sein will. Ich sehe vielleicht, dass er keine Ahnung hat, was er da eigentlich gerade sagt. Und in dem Augenblick sehe ich seine Worte und lasse sie vorbeifliegen. Ich halte sie nicht fest, stecke sie nicht ein und hole sie nicht wieder raus, wenn ich sowieso schon wütend bin. Ich lasse sie los und damit sind sie einfach weg. Das Gespräch ist beendet und dein Gegenüber wahrscheinlich recht irritiert.

Es gibt eine kleine Geschichte aus dem Buddhismus, die dieses Loslassen gut demonstriert. Buddhistischen Mönchen ist es verboten Frauen anzufassen. Nun ergab sich die Situation, dass ein Mönch und sein Novize an einer Frau vorbeiliefen, die Hilfe brauchte einen Fluss zu überqueren. Kurzerhand trugen die beiden Männer die Frau rüber und spazierten weiter. Drei Stunden später ist dem Novizen erst eingefallen, dass Mönche ja überhaupt keine Frauen anfassen dürfen und er machte den Mönch darauf aufmerksam, dass sie etwas Verbotenes getan hatten. Wir hätten diese Frau nicht festhalten dürfen! sagte der Novize. Da entgegnete der Mönch: Ich habe schon vor drei Stunden losgelassen.

Mir fällt es immer noch schwer Vergangenes loszulassen. Ich hänge an vielen Dingen, die ich schon Jahre mit mir rumschleppe. Ich denke über Dinge nach, die ich nicht mehr ändern kann. Ich ärger mich über Aussagen oder Handlungen von anderen, die schon ewig her sind. Das ist alles vorbei. Es existiert nicht mehr. Also muss ich eigentlich auch nicht mehr darüber nachdenken. Loslassen klingt so banal – und auch, wenn es mir nicht leicht fällt, merke ich, dass ich immer besser darin werde. Und noch wichtiger, ich merke, wie erleichternd es ist.

In Gesprächen finde ich es oft noch schwierig nicht zu reagieren. Man ist  es gewohnt sofort antworten zu wollen. Leichter geht es da bei geschriebenen Worten. Hier habe ich die Möglichkeit das Handy oder den Laptop erstmal beiseite zu legen und alles in Ruhe zu reflektieren. Eine guter Weg zum Üben. So kann ich in Ruhe die Perspektive wechseln. Mir bewusst machen, dass ich nicht reflexartig reagiere und die Emotionen beiseite schieben. Und am Ende eine wohl überlegte oder eben keine Antwort geben.

Seitdem mir bewusst geworden ist, dass ich so oft automatisch reagiere, ohne wirklich zu beachten, was oder wie ich etwas gerade sage, ist es umso spannender Gespräche von außen zu beobachten.

Gewaltfrei miteinander zu kommunizieren macht so viel einfacher. Bewusst zuhören und bewusst antworten macht so viel aus. Es entstehen weniger Missverständnisse, weniger Konflikte und ehrliche Gespräche.

Also lasst uns die Kette der Reaktionen durchbrechen. Lasst uns unsere eigenen Identifikationen hinterfragen. Lasst uns beobachten, welche Emotionen uns durchströmen, wenn uns eine noch nicht bewusst wahrgenommene Identifikation gerade zur Weißglut treibt. Und wenn wir das erkennen und sehen können, dann können wir auch mit unserem Gegenüber friedlich und harmonisch kommunizieren. Weil wir dann merken, dass unser Gegenüber meistens keine böse Absicht hatte. Sondern, dass wir uns selbst durch unsere Identifikation in Teufels Küche gebracht haben und wir das dann unserem Gegenüber dann zum Vorwurf machen.

Und genau da fängt die Reaktionskette dann wieder an…

ernest

1 Kommentare

  1. Wirklich toller Beitrag!!!??
    Ich finde super, dass du dich mit einem solchen Thema befasst.
    Zu gut kenne ich Hustenanfälle sobald es heißt ‚Ruhig sein‘!
    P.s.: Toller Blog, weiter so !:)

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