Können. Wollen. Machen!

IMG_3846

Ich liebe es während des Badens Dokumentationen auf meinem Macbook zu schauen. Und als ich letzte Woche mal wieder ein viel zu heißes Bad eingelassen habe und minutenlang warten musste, bis ich überhaupt in die Wanne steigen konnte, habe ich die Zeit genutzt und bei Netflix gestöbert. Food Choices – hm, kenn ich noch nicht. Dokus über bewusste Ernährung sind aber genau mein Ding. Also habe ich auf Play geklickt und bin ganz langsam in das, immer noch zu heiße, Wasser gestiegen. In der Doku war nicht viel, was ich noch nicht über vegane Ernährung wusste. Ich war zugegebener Maßen überrascht, dass hier ganz offen über Fakten über Fleisch und Milchprodukte gesprochen wurde, die ich mir vorher mühselig in Büchern, Vorträgen oder Foren raussuchen musste. Und jetzt habe ich all das plötzlich knallhart in einer leicht zugänglichen Netflixdokumentation zusammengefasst gesehen.

Seit vielen Jahren ernähre ich mich nun schon vegetarisch. Und seit fast genauso vielen Jahren weiß ich, dass Milchprodukte meinem Körper nicht gut tun. Ich weiß es nicht nur, sondern, ich merke es jedes einzelne Mal, wenn ich Käse esse. Pickel, ein Blähbauch, Müdigkeit, ein muffiger Geschmack im Mund. Und langfristig verfolgt mich der Gedanke, dass tierisches Eiweiß Krebszellen begünstigen könnte. (Hier geht’s zur Studie der University of California).

Dass ich Lust auf Muttermilch habe ist ja generell schon bedenklich. Ich weiß, dass ich mir einfach nur vor Augen führen muss, wie pervers das eigentlich ist, dass ich die Muttermilch einer anderen Spezies trinke. Ich – ein ausgewachsener Mensch.  Aber, wenn ich in ein Käsebrot beiße, dann verschließe ich die Augen vor dieser Realität, genauso wie ich es damals bei Fleisch getan habe. Ich benehme mich, wie ein kleines Kind, dass denkt keiner sieht es, wenn es sich die Augen zu hält. Aber ich bin 30 Jahre alt. Ich trage Verantwortung für mein Leben und das meines Umfelds – in diesem Fall von Tieren.

Manchmal kann ich das Leid regelrecht spüren. Weniger wenn ich Käse essen, als wenn ich mal ein Ei esse. Ich fühle, wie ich ein ungeborenes Leben verspeise. Das macht etwas mit mir. Schuldgefühle? Dokumentationen wie Earthlings oder Food Inc. konnte ich nicht am Stück gucken, weil die Bilder der leidenden Tiere zu krass für mich waren. Aber ich habe es dann doch getan. Ich habe mich der Realität gestellt. Und genau deshalb kann ich mich jetzt nicht verstehen.

Wieso verdammt nochmal kann ich dann nicht endlich aufhören? Wieso habe ich gestern auf der Party den Nudelsalat mit dem Fetakäse gegessen? Wann habe ich es zugelassen, dass ich nun doch wieder so viel Käse und manchmal sogar Eier esse, wenn ich doch so genau weiß, dass ich das nicht will. Wie kann ich etwas nicht wollen und doch tun? Wer zwingt mich? Gehören mein Wille und mein Verstand nicht zusammen?

Dass mich der Feta von gestern heute noch beschäftigt, werte ich für mich als gutes Zeichen. Mein Kopf macht sich endlich wieder Gedanken. Und zwar nicht nur unterbewusst, sondern ganz konkret in der Situation, in der ich so gerne anders handeln würde, als ich es eben tue. Ich habe mir fest vorgenommen zumindest erstmal keinen Käse mehr zu kaufen – Eier kaufe ich seit Jahren nicht. Und der Feta, der Hüttenkäse und das kleine Stück Parmesan, die alle noch in meinem Kühlschrank liegen, werde ich noch aufbrauchen – denn Wegschmeißen ist nicht! Ich versuche in den kommenden Tagen zu verstehen, was mich in der letzten Zeit dazu gebracht hat, meine Werte über Bord zu werfen und ohne schlechtes Gewissen Camembert und Bergkäse zu kaufen. Ich möchte nachvollziehen können, warum mein Verhalten so unlogisch ist. Als erwachsener Mensch glaubt man doch, dass man das tut, was man tun möchte. Dass man frei von Zwang lebt. Dass man seine Süchte erkennt. Aber ich merke schon wieder, welche Macht Gewohnheiten haben. Bei Zucker war das für mich so offensichtlich. Doch abgesehen davon, habe ich immer geglaubt, die Kontrolle zu haben. Aber, wenn ich sie nicht habe, wer hat sie dann eigentlich?

Heute habe ich komplett auf tierische Produkte verzichtet. Ich fühle mich gut. Nicht nur körperlich, sondern vor allem seelisch. Weil ich das getan habe, was ich wirklich will. Ich will selbstbestimmt leben. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne Reue. Ohne Leid. Ohne Schuld. Und da ich es schon mal geschafft habe, weiß ich auch, dass ich es kann.

Jetzt muss ich einfach nur wieder wollen.

davinci

 

 

15 Kommentare

  1. Was für ein genialer beitrag. Du sprichst mir aus der Seele. Das mit der Muttermilch sehe ich ganz genauso, mein Freund schüttelt da immer nur verständnislos mit dem Kopf. Ich habe mal ein Jahr nur vegan gelebt, das tat meinem Körper einfach nur total gut!

  2. Hallo Serin,
    ich kann dich in dem Aspekt so verstehen. Von der Vegetarierin, die eigentlich gerne vegan sein würde, zur „richtigen“ Veganerin hats bei mir in etwa 6 Monate gedauert. Ich hatte zwar jedes Mal beim Essen von Milchprodukten im Kopf, was das eigentlich ist und kam nicht ganz klar damit, konnte aber dann irgendwie doch nicht aufhören damit…Bis zu dem Tag, wo ich dann einfach mal gesagt hab, ich machs nicht mehr – und dann war es überraschend einfach. Jetzt bin ich seit eineinhalb Jahren vegan und es tut wirklich gut, ohne schlechtem Gewissen gegenüber anderen Lebewesen zu essen 🙂
    Ich würde total gerne mehr über deine Entwicklung in dieser Hinsicht wissen, hältst du uns mit Blogbeiträgen ab und zu auf dem Laufenden, wie es dir denn damit geht?
    Ganz liebe Grüße!
    xx Melanie von http://squatsgreensproteins.de/

    • Liebe Melanie,
      danke für den Einblick in dein veganes Leben. Das motiviert mich weiterzumachen. Und klar, ich werde immer mal wieder updaten, wie es um mich steht 😉

  3. Ui, so weit denke ich gar nicht. Gott hat uns ja diese Tiere gegeben, damit wir uns ernähren können. Und wenn jetzt NIEMAND mehr davon essen würde, dann würde es zuviel davon geben und diese würden dann die Flora, aber auch die Luft (z.B.zu viel Kuhmist) verpessten, etc. Ich denke, es ist einfach wichtig,dass man wertschätzend und mit Mass davon konsumiert.

    • Mir geht es in dem Text in erster Linie darum, dass ich etwas nicht tue, obwohl ich es will. Ob man Fleisch isst oder nicht ist jedem selbst überlassen.

  4. Leider funktioniert bei mir rein Vegan nicht da ich eine verrückte Schilddrüse habe, habe dadurch leichte Mangelerscheinungen bekommen und damals waren vegane Eiweiß-Shakes recht teuer und schwer zu bekommen. Jetzt mache ich immer mal wieder vegane Monate, wobei mir dies im Sommer leichter fällt als im Winter…

  5. Ich liebe auch Dokus auf Netflix! 🙂 Jedoch bin ich ganz ehrlich, auch wenn ich weiss wie Fleisch hergestellt wird, ich könnte darauf nicht verzichten. Ich esse zwar nicht oft Fleisch, aber ich mag es halt trotzdem sehr. Auf Käse könnte ich jetzt noch eher verzichten. Und da ich zur Zeit schwanger bin, verzichte ich so oder so auch auf Eier 🙂
    Aber hey, finde es ist jedermanns Sache und ich habe auch nichts gegen Vegetarier, Veganer oder sonstige Menschen 🙂 Sind ja trotzdem alle gleich, egal was wir essen.

  6. Ein tolles Sprichwort von dem berühmten Leonardo Da Vinci 😉 . Ja das durchziehen, das hartnäckig bleiben, einer Linie zu folgen, das gestaltet sich oft als sehr schwierig. Zumal es soviele Verführungen gibt…… Die Dokus kenne ich noch gar nicht, ich muss auch gestehen, ich habe momentan nicht viel Zeit zum Fernsehen. Aber ich werde mir deinen Tipp im Hinterkopf behalten. Dankeschön

  7. Die Doku steht auch noch auf meiner Watchlist. Bin echt mal gespannt. Eigentlich eine gute Idee, das beim Baden zu machen 🙂
    Liebe Grüße,
    Melli

  8. Sehr schöner Beitrag, war echt spannend und interessant zu lesen. Und das Essen auf den Bild sieht lecker aus 🙂

  9. Hallo,finde es sehr schön wie du es geschrieben hast mit dem hin und her in deinem Kopf. Man tut dinge die man nicht will und zerbricht sich dann den Kopf darüber. Ich selber ernähre mich nicht vegan. Aber zum größten Teil vegetarisch. Nicht der Tiere wegen,sondern weil ich einfach kein Fleisch mag. Ich brauch das einfach nicht.
    Da mach ich mir lieber nen schönen Salat 🙂
    LG Nadine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.