Durch Dick und Dünn.

durchdickunddunnIch stehe vor meinem Schlafzimmerspiegel. Ich drehe mich nach links – ich drehe mich nach rechts. Ich kneife mir in die Seite. Hm. Wo hört dick eigentlich auf und wo fängt dünn an? Sehe ich mich im Spiegel so, wie ich wirklich aussehe?

Meine Waage zeigt mir, dass ich abgenommen hab – das Maßband auch. Meine Kleidung schlabbert. Wenn ich mir alte Bilder anschaue, dann sehe ich einen Unterschied. Aber sobald ich in den Spiegel gucke, sehe ich dick. Es gibt Tage, da denke ich Wow. Und dann gibt es eben auch Tage, an denen sehe ich kein Stück Veränderung. Warum?

Mein Selbstbild ist verschwommen. Vor allem seitdem ich abnehme, bin ich noch verwirrter. Vorher war für mich einfach klar: Ich bin dick. Und das war ich immer. Fertig. Aber jetzt. Jetzt passiert etwas. Ich passe in Hosen rein, denen ich im Laden früher keine Beachtung geschenkt hätte. Ich nehme immer zusätzlich noch Klamotten mit in die Umkleide, die größer sind. Weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass eine kleinere Hose mir wirklich passen könnte. Und dann passt sie eben doch. Und mein Kopf scheint damit nicht umgehen zu können. Bin ich jetzt noch dick? Mollig? Oder normal? Aber was ist überhaupt normal?

Ich scheine nicht die Einzige zu sein, die darauf keine Antwort weiß. Erst vor ein paar Tagen habe ich hitzige Debatten auf Social-Media-Plattformen über die jüngste Zara-Werbung  verfolgt (Ja, ich weiß, ich wollte aufhören Kommentare zu lesen – und das sollte ich nach wie vor!). Es ging dabei um folgendes Werbeplakat:

Haben diese Mädels Kurven? Sind die beiden Mädels zu dünn? Sind kurvige Frauen gleich dicke Frauen? Egal was man jetzt antwortet, eine richtige Antwort kann es auf diese Frage nicht geben. Denn dick, kurvig, dünn – all das scheint relativ zu sein. Klar, man könnte jetzt mit dem BMI argumentieren, ob jemand über- oder untergewichtig ist. Doch der BMI ist auch nur ein willkürlich gesetzter Maßstab. Aber kurvig? Ich habe schon verstanden, warum so viele entsetzt waren. Ich bin ehrlich. Ich stelle mir unter kurvigen Frauen auch eher eine Ashley Graham vor – aber das sehen die Marketingmenschen von Zara offensichtlich anders. Ist so eine Werbung Schuld daran, dass wir ein komisches Verhältnis zu unserem Körper bekommen? Oder sind wir Schuld daran, dass es es eine solche Werbung überhaupt gibt?

Unter diesem Bild haben sich die Menschen auf der einen Seite darüber aufgeregt, dass die beiden Mädels keine Kurven haben. Und auf der anderen Seite hat das Bodyshaming, das sonst eher dicke Frauen abbekommen, eine neue Dimension erreicht. So werden dünne Frauen, wie diese beiden, jetzt als Skelette, Bretter oder Hundeknochen betitelt. Ist das besser, als eine dicke Frau, aufgrund ihrer Figur zu stigmatisieren?

Die Diskussionen haben mir einmal mehr deutlich gezeigt, dass es egal ist, ob ich dick oder dünn bin – es können immer Gründe gefunden werden, warum jemandem das nicht gefallen könnte. Die Frage ist aber viel mehr, warum stört uns die Figur eines anderen überhaupt? Warum ist unser Verhältnis zu Körper und Figur so verzerrt? Warum sehe ich im Spiegel nicht einfach nur mein Spiegelbild? Warum mache ich mir tagtäglich Gedanken darüber, ob ich 200g mehr oder weniger wiege?

Jetzt könnte man sagen, dann bleib doch so wie du bist. Ich möchte aber abnehmen, um mich fit und gesund zu fühlen. Um all die Klamotten tragen zu können, die ich wirklich tragen möchte. Um mich nicht mehr gefangen zu fühlen. Und, um endlich damit aufzuhören, darüber zu nörgeln, dass ich zu viel wiege.

Selbstbild

Kommen wir also zurück zum Selbstbild. Woher kommt das überhaupt? Und warum brauche ich eigentlich ein Bild von mir? Reicht es nicht, mich einfach nur immer wieder aufs neue im Spiegel anzugucken und zu sehen, wie ich in diesem Moment aussehe?

Das Selbstbild wird ab dem Zeitpunkt geprägt, ab dem wir denken und fühlen können. Das bedeutet gleichzeitig, dass eben nicht nur wir selbst etwas damit zu tun haben, sondern viel mehr unser Umfeld. Vielleicht hast auch du schon als Kind immer zu hören bekommen, dass ein Nutellabrötchen genug ist, dass Süßigkeiten dick machen, dass man immerhin ein schönes Gesicht hat, dass man schlechte Gene hat und dass dick sein etwas schlechtes und verwerfliches in unserer Gesellschaft ist. Genau das sind diese Aussagen, die unser Selbstbild prägen. Familie, Freunde, Partner, Lehrer, Mitschüler, Arbeitskollegen, Medien und die Werbung tragen alle täglich dazu bei, wie wir uns selber sehen – direkt oder indirekt. Diese Gedanken sind so tief in unserem Bewusstsein verankert, da sie uns manchmal schon jahrelang eingetrichtert wurden, sodass sie nur schwer zu lösen sind.

Wie kommen wir jetzt also zu dem, was wirklich ist? Wie schaffe ich es, mich im Spiegel zu sehen und all diese Bilder meines Umfelds auszublenden – und einfach nur zu sehen, wie ich aussehe. Ohne Wertung. Ohne Meinung. Ohne Kategorisierung. Wie werfe ich einen frischen Blick auf mich selbst? Das kann nur funktionieren, indem ich wirklich begreife, dass mein Selbstbild eben nicht nur von mir selbst kreiert wurde. Ich habe zwar wahrscheinlich kaum einen Anteil an der Erschaffung, aber ich bin es, die daran festhält. Sich einfach nur zu beobachten, ohne mich mit all den tausend Gedanken zu identifizieren, klingt leichter als gedacht – probier es mal aus! Aber genau das ist der Schlüssel.

Wenn mein Selbstbild immer auf dick programmiert ist, wie soll ich dann jemals dünn werden? Abnehmen hat nicht nur etwas mit Ernährung und Sport zu tun – sondern auch ganz viel mit unserem Kopf und dem Bewusstsein.

Wie schaue ich also morgen früh in den Spiegel, sodass ich sehen kann, was der Spiegel wirklich zeigt? Indem ich tatsächlich beobachte.

Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben.

Hintergrund4

10 Kommentare

  1. Super schön geschrieben und auch toll, dass du deine eigenen struggles ganz ehrlich mit einbindest. Es gefällt mir gut, wie kritisch und schlau du über ein Thema schreibst, was wohl sehr viele beschäftigt. Auch mich. Einfach mal sich selbst beobachten ohne, dass sich „böse“ Gedanken einschleichen. Sehr guter Tipp und du hast Recht, es ist gar nicht so einfach wie es sich anhört. LG! 🙂

  2. Ein sehr schön geschriebener Post, gefällt mir wirklich gut!
    Ich finde es so traurig was diese Gesellschaft abzieht und wie negativ sie besonders junge Mädchen in ihrer Selbstempfindung beeinflussen. Ich weiß noch was für einen Kopf ich mir während meiner Schulzeit um meinen Körper gemacht habe… zum Glück ist mir das mittlerweile vollkommen egal. Ob da jetzt ein paar Kilo mehr oder weniger sind, ob da jetzt ein Sixpack ist oder eben nicht, ob meine Brüste groß sind oder eben nicht, ob mein Hinter prall genug ist oder eben nicht… Darum gehts letztendlich nicht und davon wird man auch nicht glücklicher 🙂

    Finde es super, dass du dieses Thema ansprichst!

  3. Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Ich kann dem sehr gut nachempfinden und finde es echt gut geschrieben 🙂

    Ich habe selbst mein lebenlang mit meinem selbstwahrnehmung kämpfen müssen.

  4. Ein wirklich guter Beitrag!
    Und es ist ja im Endeffekt so dass die Leute immer reden werden egal wie man aussieht, was man anhat oder wie man sich verhält. Leute reden über einen-aber sind wir uns ehrlich jeder von uns redet über ander ob nun positiv oder negativ!

    Viele Grüße
    Denise von
    http://www.lovefashionandlife.at/

  5. sprinzeminze

    Ein richtig toller Beitrag, sehr schön geschrieben und ganz ehrlich, so viele deiner Gedanken hatte ich auch schon das eine oder andere Mal. Ich persönlich kämpfe seit Jahren gegen mein Speckbäuchlein, da gibt es Tage, da gehts und an manchen fühle ich mich zu dick und finde nicht die passenden Klamotten um mich darin wohl zu fühlen. So Kampagnen wie die von Zara sind da nicht sonderlich hilfreich. Vor allem, bin ich mir sicher, dass es vielen Frauen so geht und nicht alle so stark sind um zu sich selbst zu stehen und ganz wichtig, sich selbst leiden können. Und dass ist aber das aller wichtigste! Man soll sich in seinem eigenen Körper wohl fühlen, egal ob man ein paar Pfunde zu viel oder aber auch zu wenig hat. Ich wünsch dir, dass du morgen früh in den Spiegel siehst und einfach nur mit dir selbst zufrieden bist und dir deine Lieblingsjeans passt! Dann ist alles gut 😉 Liebe Grüße I.

  6. Ich finde deinen Text total schön! Und so wahr!
    Ich war nie wirklich dick, also mein BMI war immer im Normalbereich. Aber ich hatte ein paar Freundinnen, die allesamt unter Normalgewicht waren und eine Zeit lang, da wollte ich auch so sein. Obwohl ich gar nicht zu dick war wollte ich gerne dünner sein. Möglicherweise hat mich meine nicht vorhandene Disziplin davor gerettet ebenfalls untergewichtig zu werden 😀
    Mittlerweile bin ich glücklich so, wie ich eben bin. Ja, ich hab da an den Beinen ein bisschen mehr Masse, als andere. Aber ist das denn schlimm? Dafür habe ich halt einen nicht existenten Bauch, schlanke Arme, was will ich denn mehr? Wenn ich in den Spiegel sehe bin ich momentan echt zufrieden mit mir und das ist ein tolles Gefühl! Ohne meinen Freund und meine Familie wäre das vielleicht anders, aber ich bin froh solche Menschen in meinem Leben zu haben und hoffe für dich und wünsche dir, dass das bei dir auch so ist!
    Liebe Grüße,
    Leni 🙂
    http://www.sinnessuche.de

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