No Comment!

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Ich kann das nicht mehr. Aber ich kann es auch nicht lassen. Doch ich sollte aufhören. Denn es versetzt mir jedes Mal einen Stich ins Herz. Und trotzdem lese ich sie – Kommentare. Kommentare unter Facebookposts, unter Blogbeiträgen, unter Artikeln. Und jedes Mal zucke ich zusammen. Weil ich nicht glauben will, was ich da lese. Weil ich nicht glauben kann, dass diese Verfasser der Kommentare Teil unserer Gesellschaft sind. Ich spüre regelrecht virtuelle Mistgabeln und Fackeln, schon bevor ich die Kommentare überhaupt öffne. Sie lauern unter jedem Post. Gierig warten sie auf einen neuen Eintrag, nur um Menschen bloß zustellen, zu diffamieren oder zu beleidigen. Kommentare sind eine neue Form der Kommunikation. Eine anonyme Kommunikation, in der der Mensch zeigt, wie er wirklich tickt. Und zwar ganz schön asozial. Und ich meine asozial im Sinne von nicht sozial. Egoistisch. Überheblich. Und vor allem böse.

Wir sind so stolz auf unsere Meinungsfreiheit in Deutschland. Belächeln Länder, in denen Menschen sich nicht frei äußern dürfen. Aber dürfen wir das hier? Wirklich?

Freie Meinungsäußerung bedeutet nicht, dass andere nur das sagen dürfen, was ich hören möchte. Meinungsfreiheit bedeutet ganz im Gegenteil – ein Austausch verschiedener Ansichten. Und das tut auch mal weh. Sehr sogar. Und es gilt genau das auszuhalten. Und an diesem Punkt scheitern die meisten. Diesen Schmerz auszuhalten. Denn es kann richtig weh tun Dinge zu lesen, die man überhaupt nicht so sieht. Aber andere Meinungen kategorisch abzulehnen und im Keim zu ersticken – das ist Zensur, das ist Hetze. Aber das ist genau das, was ich erlebe.

Also habe ich mir überlegt aufzuhören. Das alles nicht mehr zu lesen. Mich selbst nicht mehr unglücklich zu machen. Denn irgendwann bin ich an den Punkt gekommen, an dem ich die Artikel gar nicht mehr gelesen habe, sondern nur noch die Kommentare. Und jedes Mal ärgere ich mich auf ein neues. Also Schluss.

Und dann? Nur weil ich die Kommentare nicht mehr lese, heißt das ja nicht, dass sie nicht mehr existieren. Hass und Beleidigungen werden trotzdem noch verbreitet. Menschen die anders denken, werden weiterhin virtuelle Aluhüte aufgesetzt. Veganer werden immer noch mit unlustigen Steakwitzen gequält und Arschlöcher können trotzdem noch gegen Ausländer bashen.

Ich muss mich also vielmehr um die Ursache des ganzen kümmern, um die Auswirkung zumindest ein bisschen verstehen zu können. Warum sind so viele Menschen so unfassbar aggressiv? Wo kommt das her? Und warum wird es anonym im Internet wieder rausgelassen?

Neulich habe ich eine Geschichte gehört, die mir stark im Kopf geblieben ist und die vielleicht ein Stück weit erklären kann, was da eigentlich los ist. Die Geschichte stammt aus dem Zen-Buddhismus. Es geht um einen Mönch, der an einem See spaziert. Irgendwann kommt er zu einem Boot und entschließt sich kurzerhand sich in eben dieses Boot zu legen, um sich ein bisschen auszuruhen. Also schippert er tiefenentspannt in seinem Boot auf dem See. Und als er dort so liegt, stößt ihn plötzlich ein anderes Boot an. Wutentbrannt richtet sich der Mönch auf, um den Unruhestifter zur Rede zu stellen und ihn über Unachtsamkeit zu belehren. Wer würde ihn bei seiner Ruhe stören? Doch dann sieht er, dass das Boot leer ist. Da ist keiner der Schuld hat. Niemand, der ihn stören konnte.

Wenn man sich also über andere Dinge aufregt, dann muss man sich zuerst fragen, warum einen das in diesem Moment so wütend macht. Wo diese Aggression herkommt. Warum sich Fleischesser und Nicht-Fleischesser so anfeinden und nicht akzeptieren, was andere Menschen essen. Warum sogenannte Verschwörungstheoretiker beleidigt werden, obwohl einem doch egal sein kann, ob Menschen an die Mondlandung glauben oder nicht. Warum Menschen gegen Ausländer hetzen und nicht verstehen, dass wir alle Menschen sind und man sich nicht aussuchen kann, wo man geboren wird.

Wer seine Aggressionen nicht in den Griff bekommt, der hat ein echtes Problem mit seinem Leben. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es solchen Leuten besser geht, nachdem sie sich im Internet so richtig ausgekotzt haben. Was ich aber noch weniger verstehe: wie kommt man überhaupt auf so eine Idee? Und wie hat sich dieses ekelhafte Kommentieren im Internet so verselbstständigt?

Kommentieren bedeutet nicht, dass jeder einfach seinen Senf dazugeben darf. Kommentare sollen ein konstruktiver und nützlicher Beitrag zum Gesagten darstellen. Stattdessen feiern sich Hater, wenn sie etwas noch widerlicheres geschrieben haben, als ich Vorgänger. Sich in Hasskommentaren übertrumpfen? Das ist der neueste Shit?Informative und kluge Antworten gehen bei der Vielzahl von undurchdachten und plumpen Kommentaren einfach verloren.

Bedeutet das nicht gleichzeitig, dass wir viel hemmungsloser und asozialer sind, sobald wir unsere Identität nicht preisgeben müssen? Lassen wir dann unser wahres Ich ans Licht? Unterdrücken wir also den ganzen Tag hässliche Gedanken und Aggressionen?

Es macht mir Angst. Denn ich bin mir nicht sicher, ob es vielleicht wirklich so sein könnte. Ich kann nur für mich selbst sprechen und weiß, dass es jene abartigen Gedanken in meinem Kopf nicht gibt.

Ich beleidige nicht. Ich diffamiere nicht. Ich hetze nicht. Ich verurteile nicht. Ich kommentiere.

 

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