Der Anerkennungsorgasmus

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Als ich gestern bei Instagram wieder nach den schönsten Stullen, den unbewohntesten Landschaften und den neuesten Gucci-Täschchen geguckt habe, ist mir ein Post einer Bloggerin aufgefallen.

Sie hat sich darüber beschwert, dass ihre Bilder in letzter Zeit einfach nicht mehr so viele Likes bekommen – manchmal sogar nur noch die Hälfte. Dabei gebe sie sich so viel Mühe.

Das musste ich mir genauer anschauen. Meinte sie das wirklich ernst?

Tatsache!

Einige Stunden später hat sie einen ganzen Artikel über dieses Phänomen geschrieben. Kaum noch über 1.000 Likes. Letztens sogar nur knapp 500.

Also fragte sie ihre Leser, was denn los sei. Ob sie uns zu langweilig geworden sei. Ob ihre Bilder nicht mehr originell genug seien. Ob wir ihre Bilder überhaupt noch sehen, da Instagram ja einen neuen Algorithmus eingeführt hat.

Ja, sie meinte das tatsächlich ernst. Und das macht mir große Sorgen.

Auch ich beobachte immer öfter, dass es mich stört, wenn einer meiner Text mehr gelesen wird, als ein anderer. Hab ich ihn zu einer doofen Uhrzeit veröffentlicht? War das Thema uninteressant? Hätte ich mir eine ausgefallenere Überschrift ausdenken sollen?

Akribisch prüfe ich meine Statistiken und freue mich über Likes.

Und irgendwann kommt jedes Mal der Moment, an dem ich mich genau dafür schäme.

Warum brauche ich diese Anerkennung? Wieso reicht es mir nicht, dass mir mein Text richtig gut gefällt?

Schließlich schreibe ich nicht, damit zehn Leute mir für meinen Text applaudieren. Und doch bekommt man natürlich immer gerne zu hören, dass jemandem der Text gefallen hat, für den man sich so viel Mühe gegeben hat.

Im Unterschied zu der Instagram-Bloggerin, verdiene ich keinen Cent mit meiner Schreiberei – warum sollte es mich also stören, dass mein Avocado-Brot auf Instagram besser ankommt, als ein Foto zur Ungeschminkt-Challenge?

Und trotzdem hat man dieses Verlangen nach positiver Rückmeldung.

Wie im Kindergarten, als ich jeden Tag eine Prinzessin mit Walla-Walla-Kleid und Krönchen gemalt habe. Und meine Kindergärtnerin mir immer wieder gesagt hat, wie hübsch das aussieht.

Ist ein Text geschrieben, ein Bild gepostet und ein Video hochgeladen, passiert mittlerweile nur noch eins – das Warten auf den Applaus.

Aber dann folgt eben oft die Ernüchterung. Kein Like-Feuerwerk. Keine Schwärmereien in den Kommentaren. Keine Empfehlungsschreiben an Freunde. Keine neuen Follower.

Kein Anerkennungsorgasmus!

Unbefriedigt bleibe ich an meinem Macbook zurück. Das kann doch nicht alles sein. Und das kann auch nicht der Sinn meines Blogs sein.

Ich muss lernen, meine Arbeit wieder selbst wert zu schätzen.

Wenn auch anderen meine Texte gefallen, dann ist das ein schöner Nebeneffekt – aber es darf nicht mein Hauptziel sein. Denn es wird immer Leute geben, denen mein Schreibstil, meine Bilder oder mein Layout nicht gefallen. Und das ist okay. Denn über Geschmack lässt sich weder diskutieren, noch streiten.

In Zukunft gehe ich als back to the roots. Ich schreibe mit voller Hingabe meinen Text, veröffentliche ihn und bin stolz drauf – fertig!

Ich habe die Bloggerin übrigens gefragt, wieso ihr die Likes so wichtig wären. Und sie antwortete mir  Es ist ja immer so – was man hatte, vermisst man, wenn es auf einmal nicht mehr da ist.

Diese Aussage bestärkt mich nur noch mehr in meinem Gefühl, dass ich der Meinung anderer Leute zu viel Gewichtung gegeben habe.

Für meinen Anerkennungshöhepunkt bin ich ab heute nur noch selbst verantwortlich!

 

 

 

 

 

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