TAG 22 / Extrem!

Tag22Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann stehe ich zu 100% dahinter. Lese mich ein, gucke mir Videos und Statistiken an, diskutiere viel und mache mir Notizen, wenn mir spontan in der U-Bahn etwas zu diesem Thema einfällt.

Genau so ist es natürlich gerade mit dem Thema Schminke bzw. dem Ungeschminktsein. Dadurch, dass ich jeden Tag einen Text über das Thema schreibe, lese ich momentan sehr viel über Themen, die mit Make-up zu tun haben, wie eben Chemikalien in Schminke, Werbelügen oder die historische Hintergründe. Ich gucke mir fremde Frauen, die mir auf der Straße entgegenkommen, genau an. Und ich gucke mich genau an. Überlege wie ich mich in den letzten 22 Tagen entwickelt habe. Was die intensive Auseinandersetzung mit einer Thematik mit mir macht.

Und ich stelle fest, dass es sehr viel mit mir macht, aber auch mit meiner Umgebung. Einige finden mein Verhalten zu extrem. Manche sagen mir nach ich würde übertreiben. Einige Frauen, die sich schminken, wollen mit mir gar nicht mehr über das Thema reden, weil sie sich dann schlecht fühlen, konfrontiert und genervt. Das scheint keinen Spaß zu machen. Das Extreme hat aber noch einen anderen Hintergrund.

Wenn man sich mit einem Thema auseinandersetzt, dann passiert es automatisch, dass durch Recherche im eigenen Kopf plötzlich ein Interessiert Sie vielleicht auch? aufploppt. Als ich mich entschieden habe auf chemische Cremes für mein Gesicht zu verzichten, stellte ich mir nur kurze Zeit später die Frage, wie das dann eigentlich mit meinen Haaren ist. Schließlich beinhaltet Shampoo mindestens genauso viel Chemie, wie die Cremetiegelchen. Also habe ich mir eine Alternative gesucht – Roggenmehl (dazu beizeiten mehr). Was ist dann mit Deo? Mit Zahnpasta? Mit Duschgel?

Ja, die Liste könnte ich ewig weiterführen. Und vielleicht mag das auf den ersten Blick extrem und übertrieben wirken. Aber wäre Ignoranz in dem Fall nicht doppelmoralisch? Keine Chemie ins Gesicht, aber auf den Rest meines Körpers? Wäre das nicht genauso wie ein Mensch, der seine Katze kuschelt, während er sein 99-Cent-Fleisch verputzt? Haustiere sind toll, Massentierhaltung wird ignoriert. Oder wie eine Katholikin, die Samstagabend den heißen Typen von der Bar abschleppt und Sonntagmorgen brav mit Mami und Papi in der Kirche sitzt? 10 Ave Maria machen das schon wieder gut oder wie? Oder wie ein Supermarkt, der dich bittet deinen Betrag aufzurunden, um für hungernde Kinder in Afrika zu sammeln und am Abend die nicht mehr schönen Lebensmittel wegschmeißt? Aber wenn die Leute doch keine Äpfel mit Dellen wollen?

Wir verschließen gerne die Augen, wenn es kompliziert wird. Das Fleisch ist doch so lecker. Der Typ an der Bar so süß. Spenden tut dem Image doch so gut. Und das bisschen Shampoo wird mir und der Umwelt schon nicht schaden.

Tag222Umstellungen sind anstrengend. Dass meine Haare jetzt nicht mehr nach Vanille duften. Dass ich mich abends nicht mehr mit einem Lidstrich aufhübschen kann. Und ich nicht viele süße Cremedöschen mehr im Bad stehen hab. Ja, das ist vielleicht uncool und langweilig – und für viele vielleicht auch ökö. Oder sogar extrem. 

Mir ist es aber wichtig, dass ich für mich selbst meine Balance finde. Aber die finde ich nur, wenn ich mich nicht selbst belüge. Wenn ich Dinge hinterfrage und ausprobiere. Und ich brauche anfangs die volle Dröhnung, damit ich am Ende weiß was ich will und was nicht. Um hinterher alle Faktoren beachtet zu haben und differenzieren zu können. Um Erfahrungen zu machen, die ich teilen kann.

Um zu wissen wie es schmeckt, reicht es eben nicht sich die Rosinen rauszupicken. Dafür muss ich schon das ganze Müsli essen!

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