TAG 5/ Das Warum

Tag5Als ich gestern mit meinen Köln-Mädels beim Fußballgucken war, kamen wir irgendwann auch auf meine Challenge zu sprechen. Und eine Frage interessierte die geschminkte Fraktion dringend. Das Warum. Wieso tut man sich sowas an?

Zuerst war das Ganze nur eine Kurzschlussreaktion. Ich wollte meiner Haut etwas Gutes tun und ein paar Tage ungeschminkt rumlaufen. Aber ich liebe Herausforderungen. Und einfach mal die Maske fallen zu lassen, erschien mir als eine kluge Challenge. Denn ich liebe das Gefühl Herausforderungen durchzuziehen. Aber schon als ich dann verkündet habe, dass ich jetzt einen Monat lang ohne Make-Up rumlaufen will, dachte ich: Oh Mist, was hast du dir da jetzt schon wieder vorgenommen? Kann ich das überhaupt schaffen? Bin ich ohne Schminke hässlich? Habe ich genug Selbstbewusstsein um so nicht nur auf der Straße rumzulaufen, sondern mich auch noch im Internet zu entblößen. Vor Fremden ist mir das nämlich ziemlich egal. Aber vor meinen Freunden? Wie werden die reagieren? Wird überhaupt jemand reagieren? Ob da wohl jemand mitmacht? Was ist, wenn ich hinterher 30 Tage ganz alleine ungeschminkt stehe und nur belächelt werde?

Das sind nur einige der Fragen, die mich am letzten Sonntagabend beschäftigt haben. Worauf ich mich da eingelassen habe, war mir also zuerst gar nicht bewusst. Erst nach dem ersten Tag habe ich gemerkt, welche Verantwortung ich da eigentlich übernommen habe.

Ich habe mich auf die andere Seite gestellt. Bin aus dem Farbtopf geklettert und balanciere jetzt auf dem Rand – immer mit der Gefahr wieder da reinfallen zu können. Und erst, wenn man da oben steht, erkennt man wirklich, was die Schminkindustrie eigentlich will. Sie will uns nämlich nicht schöner machen. Sie will, dass wir uns hinter einer Fassade verstecken. Ein neues Ich aufbauen, das wir aber nicht sind – und nicht sein sollten. Sie spielen mit uns. Sie will aus uns Mädchen und Frauen machen, die am Ende alle gleich aussehen. Mit makelloser Haut, großgeschminkten Augen und prallen Lippen. Die sich nicht mehr zurück trauen. Nicht mehr trauen ungeschminkt Brötchen holen zu gehen. Ohne Make-Up ihrem Freund zu begegnen. Und vollgekleistert zum Sport gehen.

Ich möchte dieses Gefühl nicht mehr. Ich möchte mich frei fühlen. Den Blick für natürliche Schönheit zurückgewinnen. Und damit meine ich nicht natürliche Schönheit, die durch Photoshop oder andere Filter gezaubert wurde. Sondern Gesichter mit Makeln. Kaum jemand hat ein symmetrisches Gesicht. Warum also streben wir immer danach? Nach Perfektion. Nach Symmetrie. Nach Gleichheit.

Ich möchte wieder lernen, dass es gut ist anders auszusehen. Mich zu lieben wie ich bin. Andere dazu bringen sich zu lieben wie sie sind. Und das ist das Warum.

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