TAG 1 #30Tageungeschminkt

Tag1Ich bin abgeschminkt. Und damit starte ich die Challenge. Na gut. Es ging dann zunächst ins Bett. Die erste Überwindung war eigentlich das Abschminken auf Snapchat. Man weiß ja nicht, wer da so zuguckt. Aber weil ich wusste, dass ich heute sowieso oben ohne rausgehe, war mir das schnell egal. Wer es doof findet, der wird sich die Challenge einfach nicht weiter angucken.

Heute Morgen ging es dann wirklich los. Nach dem Duschen habe ich mich eingecremt und…fertig. Da stand ich nun mit meinen über-Nacht-riesig-gewordenen-Pickeln. Nicht drangehen! Sonst wird es noch schlimmer. Ich präsentiere das Ergebnis auf Snapchat. Bisher keine Reaktion. Findet das überhaupt jemand interessant? Ich verlasse das Haus. Und verstecke mich erstmal schön hinter meiner Sonnenbrille. Danke für die Sonne, Petrus! Und Danke für die Brille, Papa! Bisher alles unauffällig. Niemand guckt mich komisch an und für eine Weile vergesse ich, dass ich kein Make-up trage. Bis ich auf der Arbeit ankomme. Na, heute ungeschminkt, ruft mir ein Kollege zu. Aber ich weiß, dass er geschummelt hat, weil er hier mitliest. Ich betrete das Büro. Nix. Ich gebe zu, dass ich etwas enttäuscht bin. Hallo? Fällt euch nichts auf? Seh ich nicht müde aus? Krank? Anders? Denn so ist es mir schon öfter gesagt worden, wenn ich ungeschminkt auf der Arbeit aufgetaucht bin.

Dann eine Nachricht bei Snapchat. Eine Followerin schickt mir ein Bild. Ihr Gesicht ohne Make-up und ohne Filter, ganz natürlich und wunderschön. Wow, denke ich. Dann ein Video. Sie macht die Challenge mit. Das war ein Motivationsschub hoch Hundert. Dann ein Bild in der Mädels-Whatsapp-Gruppe. Ich gebe zu, ich bin kurz ein bisschen stolz.

Trotzdem habe ich bei jedem Gespräch das Gefühl, dass mein Gegenüber mich anders anguckt. Ein bisschen irritiert. Ein bisschen verstört? Bilde ich mir das ein? Wahrscheinlich. Und, dass sich solche Hirngespinste in meinem Kopf überhaupt eingenistet haben, macht mich ganz schön wütend.

Ich frage mich wann das angefangen hat. Wann ich mich eigentlich das erste Mal geschminkt habe. Aber leider kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich kam es mit den ersten Pickeln in der Pubertät. Eine Mischung aus Frauwerden, Models in Zeitschriften nachahmen, Jungs beeindrucken, eine andere Rolle einnehmen. Ich erinnere mich, wie oft in Mädchenzeitschriften Schminke mit dabei war. Wieviele Schminktipps ich mir in meinem Leben schon durchgelesen und ausprobiert habe. Wieviel Geld ich Make-Up-Konzernen schon eingebracht habe. Und plötzlich schäme ich mich ein bisschen. Weil ich mir einmal ganz objektiv klarmache, dass ich mir morgens Farbe (!) ins Gesicht schmiere, um bloß nicht mehr so auszusehen, wie ich selbst.

Überzeugt bin ich dennoch nicht, dass ich nicht doch wieder in Versuchung komme. Vor allem, wenn der Pickel auf meiner Wange wächst. Aber den ersten Tag habe ich geschafft und ich fühle mich schon ein kleines bisschen freier.

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