Spieglein, Spieglein!

SpiegleinNoch kurz das kleine Pickelchen abdecken. Oh und noch kurz das Härchen zupfen. Noch kurz den Lidstrich erneuern. Noch kurz das glänzende Gesicht nochmal abpudern. Noch ganz kurz den Lippenstift nachziehen. Noch kurz die Haare glätten. Und dann noch kurz ein bisschen Haarspray. Jetzt wirkt der Hals viel zu hell. Noch kurz ein bisschen Bronzer, um das auszugleichen. Ach, dann auch noch kurz ein bisschen Bronzer aufs Dekolleté. Ein bisschen davon könnte ja auch auf die Wangen. Und die Stirn. Dann aber noch kurz ein bisschen Rouge, damit es nicht zu plastisch wirkt. Und auf die Nase etwas helleren Concealer, damit die jetzt nicht zu breit wirkt. Und ein bisschen Highlighter für den Glow. Ja. Der Glow ist sowieso das wichtigste. Fertig!

Und wenn ich dann in den Spiegel schaue. Dann sehe ich da jemanden. Aber nicht mich. Sondern eine zugekleisterte Frau, die jetzt zwar keine Pickel mehr hat, aber dafür eine unnatürliche Bräune. Und wenn ich dann so rausgehe, dann fühle ich mich die ganze Zeit beobachtet. Habe Angst, dass ich vielleicht einen Make-up-Rand habe oder dass ich den Abdeckstift doch nicht richtig verwischt habe. Und was sieht noch blöder aus, als ein Pickel? Ein halb abgedeckter Pickel.

Ich schminke mich wieder ab und schaue erneut in den Spiegel. Sommersprossen. Pickelchen. Narben. Fältchen. Unperfekt. Aber ich sehe mich. Ich gucke mich noch weiter an. Ich habe eine gesunde Gesichtsfarbe. Und sooo viele Pickel sind da momentan gar nicht. Auch ohne Mascara habe ich lange dunkle Wimpern. Von Natur aus auch eine ziemlich schöne Augenbrauenform. Ja, die gefällt mir wirklich gut. Volle Lippen – no Botox needed! Die Narbe unter meiner Lippe erinnert mich immer daran, dass ich schon als Kleinkind eine Abenteurerin war. Und die Sommersprossen und die kleinen Fältchen um die Augen, die geben meinem Gesicht noch das Gewisse extra.

Ich finde mich schön. Klingt das jetzt eingebildet oder arrogant? Finde ich nicht. Ich mache mir eher Sorgen darum, dass die meisten sich nicht schön finden. Guck dich doch mal richtig an. Wie besonders du bist. Wie einzigartig. Deine Augen, deine Nase, deine Lippen. Deine vermeintlichen Makel machen dich erst zu dem was du bist – ein schöner Mensch.

Und auch wenn ich jetzt sage, dass ich mich schön finde, bin auch ich in der Schminkfalle gefangen. Natürlich gibt es Tage, an denen ich es nicht schaffe. An denen der Spiegel mich wahnsinnig macht. Und ich mich dann doch zukleister.

Also. Wie schaffen wir das? Mit dem Spiegel eine ausgeglichene und gesunde Beziehung zu führen? Ohne, dass wir uns jeden Morgen in die Haare kriegen. Ohne, dass es bei jedem Vorbeigehen einen bösen Augenkontakt gibt. Ohne dass wir uns hinter einer Fassade verstecken müssen, um unseren Anblick ertragen zu können?

Letzten Sommer habe ich für mich ganz heimlich eine 30-Tage-Ungeschminkt-Challenge gemacht. Und ich glaube, es wird wieder Zeit.

Machst du mit?

 

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