Hunger

Processed with VSCOcam with t1 presetKein Text liegt schon so lange in meinen Entwürfen, wie dieser hier. Kein Text ist mir je so schwer gefallen. Keinen Text habe ich so oft gelöscht und neu geschrieben. Und kein Text war bisher so ehrlich. Ob es klug ist ihn zu veröffentlichen bezweifle ich.

Dabei ist das Thema eigentlich harmlos. Es geht ums Essen. Essen kann so beiläufig sein. Ein kleiner Bissen. Ein bisschen naschen. Hier ein Stückchen. Da ein Häppchen. Essen ist allgegenwärtig. Überall Restaurants. Supermärkte. Imbissbuden. Zusammen kochen. Ein Teilchen vom Bäcker. Eine Stulle für den kleinen Hunger. Was Süßes zum Nachtisch. Eine Kleinigkeit als Aperitif. Essen. Mein bester Freund und gleichzeitig mein größter Feind. Mein Schwachpunkt.

Ich esse gerne. Probiere mit Vergnügen neue Sachen. Koche mit Leidenschaft. Bin eher so der süße Typ. Aber vor einiger Zeit hat sich etwas geändert. Mit jedem Bissen fühle ich mich unwohler. Denke über Kalorien und die Waage nach. Über Sport und Saftkuren. Und kann das Essen nicht mehr so richtig genießen. Ich kann mich an keinen Zeitpunkt in meinem Leben erinnern, an dem es nicht um Diäten ging. Low-Carb, High-Carb, Trennkost usw. Das geht dann immer ein paar Wochen und dann kehrt der Alltag ein. Gegessen habe ich trotzdem immer gerne.

Was mir aber die Lust am Essen geraubt hat, ist wahrscheinlich ein Gespräch, das ich vor einiger Zeit mit einer Freundin geführt habe. Zusammengefasst ging es um das böse Wort: Tageslichttauglichkeit. Männer wollen jemanden, den sie präsentieren können. Und daran könnte es bei mir scheitern. Ich weiß. So eine Aussage verleitet einen sofort zum Aufschrei. Natürlich haben mich ihre Worte verletzt, aber ich war nicht böse. Denn ich glaube tatsächlich, dass da etwas dran sein könnte. Die Freundin fragte mich daraufhin, warum ich nicht einfach abnehmen würde. Ich schaute sie entgeistert an. Einfach? Aber das probiere ich doch die ganze Zeit.

Als ich wieder zuhause war, habe ich mich dann mal wieder gefragt, wieso es denn nicht einfach klappt. Schließlich kenne ich mich in der Theorie bestens mit Ernährung aus. Liegt es am Durchhaltevermögen? An der Disziplin? Oder bewahre ich mir im wahrsten Sinne des Wortes einen Panzer, um niemanden an mich ran zu lassen? Wieso finde ich immer wieder Ausreden?

Habe ich vielleicht Angst davor, dass sich nichts ändern würde, wenn ich schlank wär? Dass ich nicht plötzlich zum schönen Schwan werden würde? Dass die Männer nicht Schlange stehen, wenn ich Kleidergröße S trage? Dass es hinterher doch an meinem Charakter liegt, dass ich allein bin? Ganz ehrlich. Das würde mich noch weitaus mehr kränken. Jetzt kann ich immer alles auf meine Schenkel, den Bauch und den Hintern schieben. Selbstschutz eben. Aber Selbstschutz macht auf Dauer nicht glücklich.

Es bringt nichts alles immer schön zu reden, nur um den anderen nicht zu verletzen. Auch wenn die Wahrheit nicht immer angenehm ist, bringt sie einen im Endeffekt weiter.

Keine Ahnung, ob das mit dem Abnehmen irgendwann klappen wird. Es hat sich in einem schleichenden Prozess ungewollt zur Lebensaufgabe entwickelt. Aber den ganzen Tag über Essen nachdenken ist anstrengend. Davon muss ich als allererstes wieder loskommen.

 

8 Kommentare

  1. Liebe Serin, ein wundervoller Text. Nicht nur, weil ich alles absolut nachempfinden kann, sondern weil dieser Text sich von den Mutmachtexten à la „Fettpolster? Das sind heiße Kurven!“ abhebt.
    Denn, Fakt ist nun einmal: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, stecken immer zwischen Gesundheits- und Schönheitswahn, müssen uns immer großartig fühlen, dürfen uns mit dem Durchschnitt nicht zufrieden geben und wenn wir wegen etwas traurig sind, dann müssen wir entweder das, was uns traurig macht, aus der Welt schaffen („Nimm doch einfach ab“) ODER unsere Perspektive ändern („Steh zu deinen Kurven!“). Ganz nach dem Motto: Du bist immer das einzige, was nicht stimmt. Niemals sind es äußere Umstände. Denn, wenn die Welt zu hart für dich ist, bist du einfach zu schwach.

    Und ich kann dir noch ein Geheimnis verraten, das eigentlich keines ist, aber es viel zu wenige heutzutage zugeben: Wenn ich auf die Waage steige und sehe, dass ich drei Kilogramm weniger wiege und dann auch noch bemerke, dass meine Schenkel tatsächlich dünner geworden sind, dann macht mich das glücklich! Ein Kilo mehr dagegen, frustriert mich dann den ganzen Tag über, wenn nicht gleich die ganze Woche. Es ist einfach so. Und ich spreche jetzt nicht von irgendwelchen gesellschaftlichen Problemen, die wir haben, das Thema ist ausgelutscht, plattgewälzt, wir haben es verstanden. Das, wovon ich spreche, ist einfach nur mein eigenes, persönliches Empfinden. Dünner fühle ich mich wohler. Und das Wohlsein strahle ich dann automatisch auch aus. Sage ich, Dauer-Diätlerin mit meinen 75 Kilogramm auf 1,68 Meter verteilt.

    • Vielen Dank für diesen tollen Kommentar. Denn die „heißen Kurven“ kann ich auch nicht mehr hören. Allerdings frage ich mich, ob ich mich überhaupt jemals wirklich wohlfühlen könnte. Aber ich glaube einfach mal daran. Und das mit den drei Kilo weniger kenne ich nur zu gut 😉

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