Schlaflos 

Processed with VSCOcam with c1 presetEr nahm den letzten Schluck Bier aus der Flasche und stellte sie zu den anderen. Er hatte versucht die leeren Flaschen nicht zu berühren, aber es klirrte doch. Er biss die Zähne aufeinander. Dieses Geräusch war viel lauter als sonst. Es schmerzte in seinen Ohren. In letzter Zeit ertrug er sowieso kaum ein Geräusch. Alles war zu laut. Zu hektisch. Und machte ihn ungewöhnlich aggressiv. Wann hatte er eigentlich angefangen unter der Woche zu trinken? Und dann auch noch allein. War er es nicht, der immer darauf bestand nicht allein zu trinken? Taten sowas nicht nur verzweifelte alleinstehende alte Herren? Also was war passiert?

Aber er war zu müde, um darüber nachzudenken. Und die Antwort kannte er ja sowieso. Seine Augen brannten. Sie brannten als hätte er stundenlang in einer verrauchten Kneipe gesessen. Aber das Rauchen hatte er vor Jahren aufgegeben. Es hatte ihn nie wirklich befriedigt. Und als er sich eines Tages fragte, ob er wirklich so eine Art Mensch sein wollte, wusste er, dass er das nicht war.

Seine Augen brannten aus einem anderen Grund. Er konnte nicht schlafen. Und zwar nicht erst seit kurzem. Sondern schon so lange, dass er nicht einmal mehr wusste, wie lange er schon jede Nacht so da lag. Er setzte sich auf die Bettkante und atmete tief ein. Heute würde er es schaffen. Heute würde er sich einfach ins Bett legen, als wäre alles normal. Sein Pegel war genau richtig. Nicht zu nüchtern, aber auch nicht zu betrunken, als dass ihm schwindelig werden könnte. Ja, heute war der Tag, an dem er einfach seine Augen schloss und irgendwann in die Tiefschlafphase gelangen würde. Und dann würde er träumen. So einen richtigen gewöhnlichen Traum erleben. Von Blumenwiesen und Picknick. Ohne sie.

So ein Traum, der so banal wäre, dass man ihn am nächsten Morgen einfach vergessen würde. So ein Traum, aus dem man mit einem Lächeln aufwacht. Ganz ausgeschlafen. Und morgens er würde einige Sonnenstrahlen an seiner Zimmerdecke sehen, die sich durch das, nicht mehr intakte, Rollo geschlichen hätten. Und er würde sich strecken und seufzen. Aber positiv seufzen. Und er würde sich freuen, dass er wie ein Baby geschlafen hätte und dass ein neuer Tag begann. Und vielleicht würde er dann sogar sein Bett machen.

Er war müde. So unerträglich müde. Er legte sich unter die Bettdecke, die er dringend wechseln musste. Sie müffelte. Aber er war so müde, dass ihn das nicht störte. Er schloss die Augen. Und da war sie wieder. Als wär sie nie weg gewesen. Er riss seine Augen wieder auf.

Nein. Heute noch nicht.

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