Nackt.

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Als ich vor vielen Jahren mal mit meinen Eltern und meinen Großeltern im Theater war, hätte ich nicht gedacht, dass meine größte Sorge ein entblößter Mann sein wird. Wir schauten Kleists Zerbrochenen Krug. Ich hatte das Lustspiel vorher nicht gelesen. Also ging ich einfach mit. Schon im ersten Akt zog sich ein Schauspieler komplett aus. Da saß ich nun. Zwischen Oma und Opa und wir schauten gefühlte drei Stunden diesem schwingenden Glied zu. Ich weiß immer noch nicht worum es beim Zerbrochenen Krug geht, da ich die ganze Zeit damit beschäftigt war, mir zu überlegen, was ich nach dem Stück Kluges sagen könnte, ohne etwas über Penisse zu sagen.

Erst Jahre später habe ich angefangen regelmäßiger ins Theater zu gehen. Und da. Schon wieder. Egal in welchem Stück. Nackte Menschen auf der Bühne. Am besten noch mit Zigarette und blutüberströmt. Ja ich weiß, das soll provozieren. Aber das tut es nicht. Schon lange nicht mehr. Wenn ich den Fernseher einschalte, sehe ich mehr nackte Menschen als angezogene. Wenn ich im Sommer in den Park gehe, sehe ich so viel nackte Haut, dass mich das wirklich nicht mehr schockieren kann. Und, wenn ich keinen Pop-Up-Blocker hätte, dann würden mich auch am Bildschirm immer wieder nackte Weiber anspringen.

Also. Was soll das dann? Wieso die Nacktheit auf der Bühne? In Filmen?Wieso überhaupt so viel Nacktheit in der Öffentlichkeit? Reizt das noch irgendjemand? Findet das noch einer wirklich attraktiv? Oder provokativ?

Dabei ist Nacktsein natürlich. Es gibt kaum ein besseres Gefühl. Einfach mal alles ablegen und frei sein. Oder nackt im Bett liegen. Ja, das fühlt sich gut an. Nackt durch die Wohnung laufen. Ich habe überhaupt nichts gegen Nacktsein. Im Gegenteil. Aber ich möchte mir selbst aussuchen, wann ich nackte Menschen sehe. Denn, wenn Nacktheit irgendwann langweilig wird, dann läuft doch irgendwas falsch.

Zieh dich an, Baby! Oder wie?

Nacktheit hat etwas verletzliches. Man zeigt sich eben so wie man wirklich ist. Ohne Photoshop. Ohne gutes Licht. Ohne Filter. Und gerade deshalb sollte es doch was besonderes bleiben. Ein bisschen geheimnisvoll. Ein ganz intimer Moment eben.

Warum dann also immer so plakativ? So viel! Ja. Einfach too much. Und warum stört mich das überhaupt? Bin ich spießig? Oder prüde? Oder wirklich einfach nur gelangweilt von gewollter Provokation?

Nacktheit ist etwas positives. Etwas schönes.

Wenn ich heute ins Theater gehe, dann bin ich nur noch schockiert, wenn die Schauspieler die ganze Zeit angezogen sind. Aber auch dann weiß ich nach dem Stück nicht worum es ging, weil ich die ganze Zeit auf nackte Menschen gewartet habe.

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