Stilles Wasser

Ich bin schüchtern. Waaas du? Du wirkst doch immer so selbstbewusst.

Ja. Wirken und Sein sind zwei sehr verschiedene Dinge. Aber meistens würde ich mich lieber verkriechen, als irgendwo mit erhobenem Haupt zu stehen und die ganze Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Schon der Gedanke dreht mir den Magen um. Und dann frage ich mich wiederum zwei Sachen. Erstens: Wieso sind manche Menschen so furchtbar schüchtern, während andere so ekelhaft selbstbewusst sind. Zweitens: Wieso muss man daran überhaupt etwas ändern?

Ist Selbstbewusstsein Charakter oder Erziehung? Werden wir zu vorlauten Prinzessinnen erzogen oder sind wir das sowieso schon von Geburt an? Wieviel Selbstbewusstsein ist gesund? Und wann ist genug?

Um mit fremden Leuten ins Gespräch zu kommen, muss ich schon einen echt guten Tag haben oder betrunken sein. Dann funktioniert das ganze natürlich eher schlecht als recht. Aber wenn ich einfach so einen Fremden irgendwo ansprechen müsste, dann zieht sich in mir alles zusammen. Was könnte aber im schlimmsten Fall passieren? Und was ist überhaupt meine Angst? Gab es schon mal eine schlimme Situation, die mich denken lässt, dass etwas Furchtbares passiert, wenn ich aus mir rauskomme? Wenn ich mich etwas traue? Wenn ich mal über meinen Schatten springe? Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Aber was ich dafür sehr gut kann, ist mir Dinge auszumalen, die passieren könnten. Und wenn ich damit fertig bin, dann hat sich das ganze eigentlich schon erledigt.

Also woher nehmen andere Menschen eigentlich ihr riesen Selbstbewusstsein? Wieso sind die so mutig? Oder ist das auch nur gespielt? Kann man das lernen? Sind selbstbewusste Menschen bessere Menschen?

Und verpasst man vielleicht etwas, wenn man sich ständig nicht traut Sachen zu machen? Schon möglich. Wie springt man denn verdammt nochmal über seinen Schatten? Oder ist es vielleicht sogar eine Bereicherung auch einfach mal nicht nach vorn zu gehen, sondern ein paar Gedanken nur für sich zu haben. Nicht immer alles sofort preiszugeben? Zu wissen, dass man der Einzige ist, der diesen Gedanken gerade hat? So à la Stille Wasser sind tief?

Kann Schüchternheit wirklich ein Vorteil sein? Sind zurückhaltend Menschen wohlmöglich interessanter? Oder nervt es einfach nur, wenn man Leuten alles aus der Nase ziehen muss?

Schüchternheit ist anstrengend. So viel kann ich sagen. Und manchmal lohnt es sich seinen ganzen Mut zusammen zu nehmen und die Nase ein bisschen höher zu tragen, als man eigentlich möchte. In gewissen Situationen muss man zumindest so tun, als wär man selbstbewusst.

Und wer weiß, vielleicht merkt man dann, dass es gar nicht so schwer ist, wie man denkt. Und, dass man einfach ein bisschen überzeugter von sich selbst sein sollte. Denn wir sind ja schließlich ziemlich toll! Das darf ruhig jeder wissen.

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