Wesentlich

Es ist Dienstagabend. Ich sitze am Flughafen in Zürich. Ich blättere die Vogue durch und gucke mir Uhren für über Zwanzigtausend Euro an. Nebenbei nasche ich Schokolade, die ich von meinen letzten Franken im Dutyfree-Shop gekauft habe. Wie klischeehaft. Und während ich da so sitze und Portishead – Roads durch meine Kopfhörer in meine Ohren hauchen, bemerke ich, dass um mich rum nur Geschäftsmänner sitzen. Einige lockern sich ihre Krawatten. Andere spielen Onlinegames auf ihren Tablets. Wieder andere lungern schon vor dem Schalter rum, obwohl Boarding erst in fünfzehn Minuten ist.

Aber eins haben diese Männer alle gemeinsam. Sie sehen fix und fertig aus. Wirken nervös. Gestresst. Geschafft. Ausgelaugt. Und das schon am Dienstag. Und dann frage ich mich: Ist es das wirklich wert? Sich tagein tagaus den Arsch aufzureißen? Viele Überstunden zu machen, die man in seinem Leben wahrscheinlich nie wieder abfeiern kann. Jeden Tag um die Welt zu jetten, um in langweiligen Meetings zu sitzen? Um wiederum viel Geld zu scheffeln, welches man für Kram ausgibt, der einen nicht glücklich macht. Für mich klingt das wie ein gesellschaftlicher Teufelskreis. Wir wollen alle möglichst erfolgreich sein. Großverdiener. Aber um welchen Preis?

Sollten wir nicht anfangen uns wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren? Mal zu entschleunigen? Ich meine. Wofür leben wir? Zum arbeiten? Auch! Aber doch eigentlich, damit wir verrückte Sachen machen. Schöne Momente erleben. Viele Menschen kennenlernen. Damit wir die Welt sehen. Die Natur. Damit wir Freunde finden. Familien gründen. Damit wir Dinge tun, die uns erfüllen. Die uns glücklich machen. Die uns bewegen. Uns weiterbringen im Leben.

Das soll nicht heißen, dass arbeiten uns nichts bringt. Im Gegenteil. Arbeit kann auch erfüllend sein. Der Stress pusht. Neue Aufgaben zu bewältigten prägt unseren Charakter. Aber wie weit muss man gehen? Was ist das für ein Leben, wen man gar keine Zeit mehr für soziale Kontakte hat? Wenn man alle Freunde oder die Familie immer wieder vertrösten muss? Klar. Von nichts kommt nichts. Und, dass man einen gewissen Standard aufrecht halten will, das ist normal. Natürlich will man nicht jeden Cent umdrehen. Ohne Geld könnte ich meiner Reiseleidenschaft auch nicht dauernd nachgehen. Und trotzdem müssen wir vielleicht lernen, dass wir kleine Dinge wieder mehr genießen. Dass Spaziergänge durch Herbstlaub der Seele mehr geben, als Shoppingtouren durch die überfüllte Innenstadt. Dass wir abends mal wieder richtig runterkommen, damit wir durchschlafen können und nicht jede Stunde mit einem Schrecken aufwachen, weil uns noch etwas für unsere To-Do-Liste eingefallen ist. Vielleicht müssen wir wieder mehr Sachen tun, auf die wir einfach Lust haben und nicht immer nur das Pflichtprogramm absolvieren.

Denn im Wesentlichen leben wir doch genau dafür.

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