Anonym

IMG_4849Es klingelt. Schlaftrunken öffne ich die Tür. Pakeeeeeet hallt es von unten. Ah heute schon? Perfekt! Ja, kommen Sie hooohoooch! Ich pule mir die letzten Schlafkrümel aus den Augen, verstecke mich halb hinter der Tür und begrüße den Paketmann mit dem schönsten Lächeln, das ich um diese Uhrzeit entbehren kann. Guten Morgen, können Sie das Paket für Herrn W. annehmen? Äh, was? Für wen? Na, hier für ihren Nachbarn. Ähm. Also eigentlich, ich weiß nicht. Wenn ich gewusst hätte, dass Paketmänner den Hundeblick drauf haben, dann hätte ich verstohlen weggeguckt. Aber da sitze ich nun mit einem fremden Paket neben mir auf der Couch und google erstmal wer da eigentlich neben mir wohnt. Wer dieser Herr W. eigentlich ist. Denn eins war mir in dieser großen Stadt bisher immer heilig. Meine Anonymität.

Ich genieße es durch die Kölner Straßen zu ziehen, ohne, dass irgendjemand ahnt wer ich bin. Ohne, dass jemand weiß, dass ich die Schwester, die Freundin, die Tochter, die Ex, die Cousine, die Enkelin, die beste Freundin, die Eine von XY bin. Immer unterwegs in geheimer Mission.

Schon in der Uni fand ich es angenehm nur eine Nummer zu sein. Eine vorurteilsfreie Nummer. Egal ob du männlich oder weiblich bist. Dick oder dünn. Groß oder klein. Alt oder jung. Religiös oder nicht. Kevin oder Ali. Am Ende zählt nur dein Können. Keine Tricks möglich.

Es ist die Pause der eigenen Identität. Alles einfach mal ablegen und sein wer man will. Vielleicht mal ein ganz anderer. In der Großstadt interessiert es eh keinen, ob du in Jogginghose oder Mangakostüm durch die Gegend läufst. Die Einzigen, die sich nach diesen Leuten umdrehen, sind höchstens noch die Touristen. Also kannst du jeden Tag in die Rolle schlüpfen, auf die du Lust hast. Businesswoman, Gammler, Tussi oder einfach ganz normal. Alles ist erlaubt.

Und all das soll jetzt vorbei sein, weil ich den Paketmann nicht enttäuschen wollte? Drei Tage steht das Paket bei mir. Ich werfe ihm immer wieder schuldzuweisende Blicke zu. Ich lasse mir doch von so einem mickrigen Päckchen meine geliebte Anonymität nicht versauen. Auch am vierten Tag klingelt Herr W. nicht. Dabei weiß ich genau, dass er zuhause ist. Wir sind schließlich Nachbarn. Und genau da ist das Problem. Natürlich hören wir, was wir den lieben langen Tag in unseren vier Wänden so tun. Und deshalb wollen wir auch nicht wissen, wer wir sind.

Ich überlege das Paket einfach vor seine Tür zu stellen, aber da könnte es natürlich geklaut werden. Wer weiß, was für Menschen hier im Haus wohnen?!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.