Zeitlupe

IMG_4778Manchmal fühl ich mich wie in diesen Filmszenen, bei denen einer mitten auf der Straße steht, sich die Ohren zuhält und schreit. Man selber bewegt sich in Zeitlupe. Aber alles andere zieht einfach millionenschnell an mir vorbei. Und dann ruf ich einfach nur Stop! Aber es hört nicht auf. Weil man die Welt nicht einfach zum Stillstand bringen kann. Weil in jeder Sekunde einfach so viele Dinge gleichzeitig passieren. Und meistens nehmen wir das einfach hin. Weil es nun mal das Leben ist. Aber dann gibt es Tage, da ist es einfach zu viel. Man hält es nicht aus. Es ist ein Gefühl wie kurz vor einer missglückten Explosion. Man hält den Atem an, schließt die Augen und wartet auf den Knall. Aber er kommt nicht. Doch man bleibt angespannt. Weil man die ganze Zeit das Gefühl hat, dass doch noch was hochgehen könnte.

Ja, man wartet dann nur auf diesen verdammten Knall. Kann sich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Und plötzlich merkst du es. Alles zieht einfach an dir vorbei. Alle kommen voran. Nur du nicht. Du bewegst dich im Schneckentempo durch dein Leben und kriegst nichts gebacken. Weil du darauf wartest, dass irgendwann der große Knall kommt. Plötzlich werden alle in deinem Umfeld erwachsen. Haben einen echten Job, gründen Familien, heiraten, bauen Häuser, schließen Bausparverträge ab, machen Steuererklärungen, kaufen Eigentumswohnungen, machen sich freiwillig Zahnarzttermine, benutzen Anti-Aging-Creme, kennen ihre Grenzen beim Biertrinken, räumen den Keller auf, stehen am Wochenende früh auf, schließen Reiserücktrittsversicherungen ab, stehen auf Gartenarbeit, gehen nur noch einmal am Wochenende raus (wenn überhaupt). Und du? Du stehst da. Mitten auf der Straße und siehst zu. Du hast dich immer noch nicht entschieden, in welche Richtung dein Leben gehen soll, während andere mittendrin sind. Aber du fühlst dich zu langsam. Eben wie in Zeitlupe.

Also wie sollst du da bitte mit den anderen mithalten? Wie schaffst du es, auf Tempo zu kommen? Willst du ewig hinterher rennen? Ewig einen Schritt langsamer sein? Immer nur zugucken, was dein Umfeld schafft?

Nein. So wirst du nicht weiterkommen. Du wirst nichts daran ändern können, dass dir manchmal einfach alles zu viel ist. Dass die Welt so durcheinander ist. Dass sie dir manchmal so vorkommt, als werden alle immer verrückter. Als würde nur noch Grausames auf der Welt passieren. Als würde sie gleich explodieren. Und dann merkst du irgendwann, dass die Menschen um dich rum wieder im normalen Tempo laufen. Dass die Autos wieder langsamer fahren. Dass die Wolken nicht mehr vorbeihetzen. Dass sich nicht mehr alles so schnell dreht.

Und dann kannst du die Hände wieder von deinen Ohren nehmen. Aufhören zu schreien. Auf den Bürgersteig gehen. Und einen Fuß vor den anderen setzen.

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