Hab und Gut

IIMG_4757ch gucke an mir runter. Ich trage heute eine Jeans und einen Pullover. Stoffschuhe und einen dünnen Trenchcoat. Ich habe eine kleine Tasche dabei. Wenn ich reingucke finde ich meinen gewöhnlichen Kram. Mein Portmonee, mein Smartphone, eine Sonnenbrille, Schirm, ein Notizbuch und ein Stift, Kaugummis, Lippenbalsam, Lippenstift und meine Schlüssel. Stell dir mal vor, ich müsste jetzt fliehen. Jetzt sofort. Ohne nochmal in meine Wohnung zu können. Mit dem was ich anhabe und was ich bei mir habe. Jetzt sofort. Ohne meine Liebsten noch einmal umarmen zu können. Stell dir mal vor, es gibt nur diesen einen Moment. Wenn du jetzt nicht gehst, dann ist es zu spät. Würdest du gehen?

Wenn du endlich am Meer angekommen bist, dann denkst du wahrscheinlich nicht mehr großartig darüber nach, ob du jetzt wirklich in dieses klapprige Holzboot steigst. Ob ihr nicht viel zu viele Menschen seid. Ob dieses morsche Boot das überhaupt schaffen kann. Und wie lange die Überfahrt dauert. All das weißt du wahrscheinlich nicht, aber du hinterfragst es auch besser nicht. Du weißt nur eins. Da wo du ankommen wirst, da ist alles besser. Sicher. Friedlich. Stabil. Also ergatterst du vielleicht, wenn du Glück hast, noch eine Schwimmweste und quetscht dich mit den anderen in das Boot. Keine Reisetabletten, falls dir von dieser wilden Fahrt schlecht wird. Nur wenig Proviant. Dir ist kalt. Es wird dunkel. Ihr seid mitten im Nirgendwo. Vielleicht schreien Kinder und ihre Mütter versuchen sie zu beruhigen. Ich krempel meine Jeans runter und schließe meine Jacke. Ich klammer mich an meine Tasche und schließe die Augen fest. Ich versuche vielleicht daran zu denken, was bald sein wird. Ein Land, was ich bisher nur auf dem Globus gesehen habe. Ich kann die Sprache wahrscheinlich nicht, ich kenne die Kultur nicht. Ich weiß nicht mal, was man dort isst. Aber das ist alles nicht wichtig. Das ist wahrscheinlich alles egal. Denn ich möchte einfach nur in Frieden leben.

Ob ich meine Familie jemals wiedersehen werde? Ob meine Freunde es auch geschafft haben? Wie es meinen Arbeitskollegen wohl ergangen ist? Ob meine Wohnung noch steht? Oder liegt sie schon in Schutt und Asche? Ich möchte nach Hause. In mein Bett. Auf meine Couch. Möchte mir mein Lieblingsessen kochen und mit meiner Schwester telefonieren. Möchte mit meinen Freundinnen auf der Dachterrasse sitzen und über Quatsch lachen. Möchte im Supermarkt nebenan einkaufen und meine Straße langschlendern. Aber es geht nicht. Ich weiß nicht, ob es jemals wieder gehen wird. Oder ob ich nur noch die Erinnerung habe.

Meine Füße sind wahrscheinlich nass. Ich bin komplett durchgefroren. Es ist dunkel. Wir sind mitten auf dem Meer. Dann ein kleiner Lichtblitz. Die Sonne geht auf. Ich schaue nach rechts und nach links. Vor mich und hinter mich. Aber immer noch kein Land zu sehen.

Wenn ich Glück habe, dann werde ich niemals in diese Situation kommen. Aber manchmal, da muss man sich reinversetzen, um nur den Hauch einer Ahnung zu bekommen. Um nur einmal ein kleines bisschen das Gefühl zu kriegen, wie es wäre. Wie es wäre, wenn du nichts mehr hast. Wenn du alleine bist. Wenn du auf der Flucht bist.

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