Trotzig.

IMG_4749Ich bin jetzt Vegetarier. Was wieso das denn? Du hast doch immer gerne Fleisch gegessen. Wie kannst du denn auf ein geiles Steak verzichten? Und überhaupt. Was willst du jetzt essen? Nur noch Gemüse und Körner oder was? Boah, dann wirst du ja jetzt so ein richtiger Öko. Mega nervig. Und dann wirfst du mir jetzt immer vorwurfsvolle Blicke zu, wenn ich nen Burger esse, oder was? Und dann müssen wir für dich jetzt immer einen extra Grill mitnehmen? Und dann wird’s ja jetzt immer voll kompliziert, wenn wir irgendwo essen gehen wollen. Und wieso machst du das überhaupt? Denkst du, du kannst die Welt dadurch besser machen? Das bringt eh nix. Tiere wurden schon immer gegessen. Sonst hätten unsere Vorfahren nicht überlebt. Und dann gäbe es dich jetzt auch nicht.

Menschen, denen man von Verzicht erzählt, reagieren in der Regel wie trotzige Kleinkinder. Sie fühlen sich ertappt. Sie fühlen sich indirekt Vorwürfen ausgesetzt. Dabei verzichtet der Asket doch meistens für sich selbst. Weil Verzicht einem deutlich macht, was man hat. Was man kann. Was man braucht. Verzichten, um wertzuschätzen. Und nicht um andere bloßzustellen. Verzichten, um sich selbst etwas zu beweisen. Verzichten, um nicht überheblich zu werden. Verzichten, um sich zu disziplinieren. Oder einfach nur, um gesund zu bleiben. So gesehen ist Verzicht purer Egoismus. Und darauf scheint die eigene Umwelt neidisch zu sein. Denn Verzicht ist auch harte Arbeit. Gerade bei Dingen, die man gerne macht.

Seitdem ich Vegetarierin bin, muss ich mich dauernd rechtfertigen. Das ist eine Nebenwirkung, mit der ich wirklich nicht gerechnet hab. Wenn ich keine Birnen mögen würde, dann müsste ich mich wohl nie erklären. Denn Birnen scheinen der Gesellschaft ziemlich egal zu sein. Aber Fleisch. Da hört der Spaß auf. Dabei gehe ich nicht mal missionieren. Denn Missionare gehen mir selber auf die Nerven. Die Challenge war einzig und allein ein neues Projekt ganz für mich allein. Ich verdammte Egoistin. Und doch war es für meine Umwelt viel schwieriger, als für mich. Ich habe Nachrichten bekommen, dass man jetzt auch weniger Fleisch essen wolle. Vielleicht nur noch sonntags. Ähm ok. Ich habe nicht darum gebeten. Und, als ich zum Geburtstags einen Haufen Mett mit Schleife bekam, habe ich wirklich an der menschlichen Intelligenz gezweifelt. Wieso reagieren alle so trotzig auf eine Sache, bei der sie nicht mal mitmachen?

Aber es ist keine Fleischsache. Menschen scheinen immer dann trotzig zu reagieren, wenn sie mit einer Sache nichts zu tun haben wollen. Wenn sie wissen, dass sie zu undiszipliniert sind. Wenn sie wissen, dass der Asket vermutlich Recht hat. Dann kann der Mensch damit einfach nicht umgehen. Denn Verzicht ist hart. Egal ob auf Fleisch, Alkohol, Zigaretten, Zucker, Internet oder Birnen. Wir wollen das, was wir nicht dürfen. Und wir wollen vor allem, dass die Anderen es auch nicht schaffen zu verzichten, wenn wir es nicht durchziehen können.

Weil wir trotzige Kleinkinder sind.

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