Eigentlich.

IMG_3637Eigentlich: seit dem 13. Jahrhundert bezeugt; mittelhochdeutsch eigenlich; Ableitung vom dem Adjektiv eigen.

Seit so vielen Jahrhunderten schränken wir unsere Aussagen ein. Eigentlich geht’s mir gut. Eigentlich hab ich morgen Zeit. Eigentlich muss ich noch einkaufen. Eigentlich bin ich schon verplant. Eigentlich mache ich sowas nicht. Eigentlich schon.

Wieso tun wir das eigentlich? Wieso wollen wir alles immer noch ein bisschen relativieren? Unschärfen? Wieso sagen wir nicht einfach mir geht es gut. Ich habe morgen Zeit. Ich muss noch einkaufen. Ich bin verplant. Sowas mache ich nicht. Ja. Einfach ja.

Was ist so schwer an einem ja? Ist es zu verbindlich? Kommen wir aus einer Ja-Antwort nicht mehr raus, wenn wir es uns anders überlegen?

Dieses kleine Wörtchen. In der Linguistik Partikel genannt. Eigentlich sogar Abtönungspartikel. Macht so viel aus. Eine Partikel hat immer eine Bedeutung. Lässt einen Satz ganz anders klingeln. Nein, nicht nur klingeln. Es macht einen ganz neuen Satz daraus. Macht uns unverbindlich. Spontan. Manchmal auch höflich. Weil wir unserem Gegenüber vermitteln, dass wir uns extra Zeit für ihn nehmen, weil wir eigentlich keine Zeit haben. Und manchmal sind wir einfach nur Abtöner. Abtönen finden wir richtig gut. Dann kann uns nämlich nichts passieren. Wir können alles, was wir abgetönt haben, einfach wieder zurück nehmen. Ich habe ja schließlich eigentlich gesagt!

Manchmal ist eigentlich auch eine gute Ausrede. Eigentlich wolltest du ja alles erledigen. Eigentlich. Ein eigentlich hilft dir in der größten Not. Es ist immer für dich da. Es ist unabdingbar. Und es stresst. Denn ja, eigentlich wolltest du es erledigen. Und jetzt hast du Fauli es schon wieder nicht getan.

Aber es kann einen auch wahnsinnig machen. Wenn alles eigentlich ist. Und nichts mehr uneigentlich. Wenn man alles relativiert. Alles abtönt. Sich immer ein Hintertürchen offen lässt. Sich nicht festlegt. Sich nicht entscheidet. Dann kann sich unser Gegenüber auch wie zweite Wahl fühlen. Haste Bock oder nicht? Ja oder nein? Machst du das jetzt oder nicht? Ja oder nein? Möchtest du oder nicht? Ja oder nein? Nicht eigentlich! Nur nicht eigentlich!

Ein eigentlich zwingt uns immer zur Rückfrage. Dir geht’s eigentlich gut? Wieso nur eigentlich? Was ist denn los? Und manchmal weiß man selber nicht, wieso man jetzt eigentlich eigentlich gesagt hat. Denn oft geht es uns ja wirklich gut. Ganz ohne Abtöner. Ganz ohne Hintertürchen und Rückzieher. Also wieso schränken wir unsere Aussagen so oft ein? Gewohnheit? Unsicherheit?

In seinem Essay von 1928 beschreibt es Kurt Tucholsky ganz gut: nein, »eigentlich« ist überhaupt kein Wort. Das ist eine Lebensauffassung.

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