Nicht böse gemeint

Neulich, mitten in der Woche, saßen wir wieder einmal in meiner Küchenpraxis. Zunächst war alles wie immer. Dann sagte meine Freundin, dass sie sich demnächst wohl doch im Fitnessstudio anmelden würde. Es ginge ja so nicht mehr weiter. EIGENTLICH eine normale Aussage, auf die man nur antworten kann: Jo cool, warum nicht!? Aber ich kenne sie. Und irgendwas stimmte an der Sache nicht. Also entschied ich mich für eine andere Frage. Wie kommt’s plötzlich? Und zack saß da nicht mehr meine selbstbewusste, lebensfrohe Freundin, der einfach nix und niemand etwas anhaben kann. Nein. Plötzlich saß da eine zerbrechliche, niedergeschlagene junge Frau, bei der die Welt so gar nicht mehr in Ordnung war. Okay, was ist los???

Sie hatte letztens auf einer Party ein paar Leute von früher wieder getroffen. Und unabhängig voneinander kamen zwei zu ihr und sagten nur ein paar Worte. Worte, die sie ihr einfach so auf die Schuhe kotzten und nicht wegwischten. Worte die sich einbrannten wie eine glühende Zigarette. Sie hatten sie getroffen. Ganz unvorbereitet. Und deshalb konnte sie an nix anderes mehr denken: Du hast aber zugelegt. Vier Worte die ihr nicht mehr aus dem Kopf gingen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie der Wahrheit entsprechen oder nicht. Es geht nur um die Sache an sich.

Wie kommt ein Mensch darauf jemandem so etwas an den Kopf zu werfen? Mit welcher Intention? Einfach nur um einen Spaß zu machen? Um auch mal einen Spruch drücken zu dürfen, weil man sonst immer der Langweilige in der Runde ist? Bloßstellen um besser dazustehen? Ohne Gedanken an die Konsequenz zu verschwenden?

Denn es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass die meisten Frauen mit ihrer Figur nicht immer unbedingt zufrieden sind. Selbst die schönsten Frauen finden in irgendeiner Ecke ihres Körpers einen Minicellulitehubbel. Und dann zählt im Spiegel nichts anderes mehr. Also kaschieren wir, überlegen wie wir uns bewegen, schminken, frisieren, meditieren und versuchen zu ignorieren. Und wenn man endlich soweit ist. Es endlich schafft zu akzeptieren wie man aussieht. Nicht bei jedem Schritt auf den Boden guckt und betet, dass niemandem auffällt, dass man sich heute mal ohne Wimperntusche rausgetraut hat. Dann lauern sie schon hinter der nächsten Ecke. Die Nicht-böse-gemeint-Hyänen. Die Ups-hat-dich-das-jetzt-verletzt-Idioten. Die War-doch-nur-Spaß-Arschlöcher.

Die Freundin in meiner Küche hat glücklicherweise einen starken Charakter. In ein paar Wochen hat sie es verarbeitet, wirft die Fitnessstudiopläne wieder über Bord und beißt genüsslich in ihre Pizza. Aber in einem schwachen Moment kann so eine Geschichte ganz anders ausgehen. Dann will man es den Nicht-böse-gemeint-Hyänen das nächste Mal zeigen. Isst weniger, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Und irgendwann hat man das ganze Spiel nicht mehr unter Kontrolle.

Und dann ist man selbst der Verlierer. Aber es war ja nicht böse gemeint. Es war ja alles nur Spaß.

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