Unterste Schublade

Der Wecker klingelt. Du machst deine Augen auf. Und alles ist einfach so richtig scheiße. So richtig ätzend. So unfassbar scheiße, dass du dich einfach nur wieder umdrehen willst, um weiter zu schlafen. Warum du so unzufrieden bist?! Keinen blassen Schimmer. Du weißt es nicht. Warum weißt du es nicht? Weil es etwas gibt, das du schon sehr lange nicht getan hast. Selbstreflexion.

Warum du das schon lange nicht mehr gemacht hast? Die Antwort kennst du genau.

Es ist immer einfacher seine schlechten Angewohnheiten und Entscheidungen und Probleme zu verdrängen, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wer sich selbst reflektiert, der muss sich auf das Schlimmste gefasst machen. Denn dann kommt alles auf den Tisch. Ganz unverblümt und ehrlich. Die pure Wahrheit. Die oft schmerzt.

Wieso können wir uns so schlecht eingestehen, dass wir nicht immer richtig entscheiden? Warum können wir Fehler nicht zugeben? Sind wir nicht selber Schuld an unserer jetzigen Situation? An dieser Unzufriedenheit. Wer, wenn nicht wir selbst, soll etwas an unserem Unwohlsein ändern? Ist es nicht zu einfach immer anderen die Schuld dafür zu geben, dass wir uns scheiße fühlen?

Doch das ist es. Und deshalb machen wir es so gerne. Probleme von uns wegschieben. In die hinterste Ecke unseres Gehirns. Ganz unten in diese Riesenschublade auf der dick und fett Verdrängung steht.

Aber irgendwann ist diese verdammte Schublade voll. Oder du suchst irgendwas und machst die Schublade aus Versehen auf. Und dann holst du erst eine kleine Schachtel raus und findest darin Bilder vom Ex. Und dann holst du einen Ordner raus und findest eine angefangene Hausarbeit, die längst hätte fertig sein müssen. Und dann findest du die Karte für dein Fitnessstudio, die du extra ganz unten unter den unsortierten Kontoauszügen versteckt hast. Und, wenn du alles auf dem Fußboden ausgebreitet hast. Dann bist du mitten drin. Mitten in deiner Selbstreflexion. Und dann kannst du dich entscheiden, ob du alles wieder schnell in die Schublade stopfst oder ob du dich endlich mal hinsetzt, alles sortierst und abarbeitest.

Und das ist alles andere als einfach oder schnell erledigt. Es erfordert vor allem Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit dir selbst gegenüber. Wieso kannst du deinen Ex nicht vergessen? Wieso warst du wieder faul und hast die Hausarbeit nicht zu Ende geschrieben? Wieso gehst du nicht regelmäßig zum Sport? Und warum kannst du die verdammten Kontoauszüge nicht abheften, wenn du sie von der Bank holst?! Und dann merkst du erst, was dich hemmt. Was dich bremst und auch was dich weiterbringt. Du merkst, dass du andere für Sachen verantwortlich machst, die nur du in der Hand hast.

Und dann ist deine Schublade endlich wieder aufgeräumt. Oder vielleicht sogar fast leer. Und du hast alles fein säuberlich in die anderen Schubladen gelegt. Und bevor du das nächste Mal wieder einfach alles reinstopfst, leg es doch erstmal gut sichtbar auf den Küchentisch.

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