Der will nur spielen

Während ich letzte Woche das Buch Spiele der Erwachsene zu Ende gelesen habe, ist mir bewusst geworden, wie oft wir am Tag in verschiedene Rollen schlüpfen, um uns der jeweiligen Situation anzupassen. In jeder Interaktion steigen wir gezwungenermaßen in ein neues Spiel ein. Denn wir können gar nicht anders. Diese Spiele haben wir schon in der frühsten Kindheit gelernt und wir führen sie jetzt bis zum bitteren Ende durch.

Eine Rolle die wir lieben ist das Opfer. Oh ja. Die Opferrolle hat es in sich. Wenn man weiß, man kommt aus einer Sache nicht mehr ganz so einfach raus. Zack Opfer. Wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. OPFER! Wenn man irgendwas haben will, das man auf normalem Weg nur mühselig bekommt. Dann hol dein Opfer-Ich raus und du wirst sehen wie easy das geht. Aber das Opfer hat auch einen großen Haken. Wenn man zu lange in der Rolle verweilt dann erntet man nur noch Mitleid. Aber nicht das nette tröstende Mitleid. Sondern das erbärmliche. Das mit dem Wie-arm-ist-das-denn-Blick.

Wieso wollen wir manchmal gerne opferig sein? Wieso brauchen wir das Mitleid anderer um uns gut zu fühlen? Wäre Anerkennung nicht das bessere Gefühl? Und kommt man aus der Opferrolle so einfach wieder raus?

Wenn wir nicht grad Opfer spielen, dann sind wir Blender. Der Blender ist ein genialer Spieler. In der Rolle können wir anderen alles weiß machen, was wir wollen. Besonders gut klappt das bei Leuten die uns noch nicht gut kennen. Dann sind wir hippe Künstler, die so dies und das machen und damit wunderbar über die Runden kommen. Wir machen andere neidisch mit unserem legeren Lifestyle, in dem wir Gespräche über Familie, Job und Zukunft mit einem Oh-mein-Gott-wie-langweilig-bist-du-denn-Lächeln abtun. Irgendwann fragt keiner mehr nach und schon sind wir Blender am Ziel. Und bei Mama spielen wir dann wieder den braven Sohnemann.

Aber ist dieses Ziel erstrebenswert? Nur so zu tun, als ob alles paletti wär? Und wie lange muss man diese Rolle durchhalten? Für immer?

Es gibt noch eine Million anderer Rollen. Und jeder hat so seine Favoriten. Aber kommen wir überhaupt irgendwann wieder aus unseren Rollen raus? Oder nehmen wir den ganzen Tag einfach verschiedene Rollen ein? Spielen wir also den ganzen Tag Spielchen? Spielchen zu unseren Gunsten? Ist unser ganzes Verhalten also ein abgekartetes Spiel? Oder läuft das ganze unterbewusst ab?

Vielleicht eine Mischung aus beidem. In manchen Situationen sucht man sich ganz sicher die Opferrolle aus, weil man weiß, dass es klappt. Und je besser wir eine Rolle kennen, desto besser wissen wir auch, wie andere darauf reagieren. Dann ist es doch nur natürlich, dass wir uns eine Rolle aussuchen, die wir kennen, wenn wir ein bestimmtes Ziel erreichen wollen. Wenn wir wollen, dass der Freund sagt: Na gut, dann komm halt doch noch vorbei. Wenn wir wollen, dass der Dozent sagt: Na gut, dann geben Sie die Hausarbeit erst nächste Woche ab. Wenn wir wollen, dass die Eltern sagen: Na gut, einmal zahlen wir das noch.

Und insgeheim durchschauen wir die Spielchen doch. Aber dann wollen wir dem Gegenüber ein gutes Gefühl geben und spielen einfach mit.

Ich hasse spielen. Weil ich ein schlechter Verlierer bin.

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