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Als ich in der 5. Klasse meine erste Deutscharbeit zurück bekommen habe stand unten drunter dick und fett „Befriedigend“. Hm, ist das jetzt gut oder schlecht? Soll ich mich jetzt darüber freuen? „Befriedigend“. Das war für mich immer das Schlimmste was passieren konnte. Ekelhaftes Mittelmaß. Dann lieber eine 4- und sich Vorwürfe machen, dass man mal wieder zu faul war. Oder dann meckern, dass ich einfach nicht kapiere, was der Autor mir mit diesem verdammten Text sagen will. Aber eine 3? Eine 3 sagt einfach nur: Du bist ganz okay.

Will man einfach nur okay sein? Purer Durchschnitt? Einfach nur nett? Einfach nur nicht hübsch und nicht hässlich? Einfach nur nicht klug und nicht dumm?

Mittelmaß. Das ist wie straßenköterblond. Nicht blond und nicht brünett. Immer irgendwas dazwischen. So richtig unauffällig. Das ist wie dunkelblau. Ne echt nette Farbe, jeder mag sie. Keiner kann dunkelblau hassen. Aber niemand würde sagen: Meine Lieblingsfarbe ist dunkelblau. Das ist wie Radiomusik. Hört man gerne nebenbei. Aber, wenn man es sich aussuchen kann, dann hört man lieber was anderes. Das ist wie ein Brot mit Käse. Das durchschnittlichste Frühstück was ich mir vorstellen kann. Aber trotzdem lecker.

Wieso ist Durchschnitt nicht genug? Wieso will man unbedingt besser sein? Besonders sein? Um jeden Preis auffallen? Wieso ist „Befriedigend“ so unbefriedigend?

Das Problem ist: Selbst wenn man in einer Sache gut ist, dann gibt es irgendwo auf der Welt immer einen Asiaten der besser ist. Zu wissen, dass man nie nie nie der Beste in einer Sache sein kann, macht mich wirklich wahnsinnig. Und zu wissen, dass es Leute gibt, die in einer Sache wirklich die Besten sind, macht die ganze Geschichte nicht viel erträglicher. Was muss das für ein Gefühl sein? Der Beste zu sein. Gerät man danach nicht noch mehr unter Druck? Muss man sich dann selber überbieten? Und was ist es für ein Gefühl immer der Schlechteste zu sein? Will man dann nicht doch lieber einfach Durchschnitt sein?

Ist das Mittelmaß nicht manchmal doch genug? Reicht es nicht ab und zu einfach mal drüber zu sein, als immer nur der Beste sein zu wollen? Kann man sich dann überhaupt noch darüber freuen, wenn man eh weiß, dass einen keiner überholt? Oder hebt man einfach nur ab und behandelt andere Menschen von oben herab? Und wie geht ein Überdurchschnittsmensch mit einer Niederlage um? Kann er die genau so einfach wegstecken wie ich?

Strebsam zu sein ist alles andere als ein Verbrechen. Aber vielleicht muss man manchmal einfach mit dem Mittelmaß zufrieden sein, um das nächste mal den Anspruch zu haben, die Sache noch ein bisschen besser zu machen. Und wenn man wirklich so unzufrieden damit ist, dann muss man vielleicht einfach noch die Sache finden, in der man besser ist als andere. Sein eigenes Steckenpferd eben.

In Mathe habe ich mich übrigens IMMER über eine 3 gefreut.

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