Der One-Night-Friend

Herbst 2007. Auslandssemester in Andalusien. Musik auf den Ohren. Ich stehe an der Bushaltestelle und frage mich, ob Linie 2 schon weg ist oder noch kommt. Denn Busfahrpläne sind hier, das habe ich bereits gelernt, überbewertet. Aus dem Nichts tippt mich ein älterer Señor an. Stöpsel raus. Ääääh si???? Woher kommen Sie, wenn ich fragen darf? Alemania! Oooooh Alemania, antwortet er mit strahlenden Augen. Und dann beginnt ein Monolog über seine Vorstellungen von Deutschland, was man da wohl isst, was eine Deutsche bloß in seinem Dorf suche und ob er in seinem Leben auch mal nach Deutschland fahren würde. Dass seine Tochter auch schon mal in Deutschland war. Dass ich ja gar nicht blond bin…

So etwas passiert mir oft. Lebensgeschichten von Fremden. Und ich liebe es. Aber ich frage mich auch, was Menschen dazu bringt Fremde an ihren Gedanken teilhaben zu lassen oder ihnen ihr Herz auszuschütten.

Ist es reine Neugier? Einsamkeit? Logorrhoe?

Interessanter als die flüchtigen Bushaltestellenplaudereien sind Begegnungen auf Partys. Dort beobachtet man immer wieder ähnliche Situationen: Du stellst dich einem wildfremden Mädchen vor, das genauso allein rumsteht wie du. Ein Bier später weißt du, warum ihr Freund nicht mit ihr zusammenziehen will, warum sie damals Latein statt Französisch gewählt hat und warum sich ihre Eltern vor drei Jahren scheiden ließen. Du musstest ihre gemachten Brüste einmal anfassen, damit du ihr auch WIRKLICH glaubst, dass sie sich gar nicht so hart anfühlen, wie alle immer denken und zum Abschied umarmt man sie wie eine alte Freundin, obwohl man sie erst ein paar Stunden kennt.

Wieso bauen wir manchmal so schnell Vertrauen zu Fremden auf? Wieso haben wir das Bedürfnis ihnen mehr zu erzählen, als unseren eigenen Freunden? Ist es die Unvoreingenommenheit? Erwartet man wirklich guten Rat oder möchte man sich einfach nur mal auskotzen, ohne dass einer sagt: Och nöööö, das haben wir doch jetzt schon 1000 Mal durchgekaut.

Brauchen wir manchmal einen one-night-friend?

Aus einem one-night-friend wird nur selten ein echter Freund. Mit manchen trifft man sich noch voller Euphorie, weil man sich ja auf der Party so gut verstanden hat. Aber nach ein paar Wochen intensiver Gespräche und verrückter Aktionen zerbricht die Freundschaft mit dem one-nicht-friend.

Denn du brauchst ihn entweder nur zum ausheulen oder um dich kurz besser zu fühlen, oder?

Einen, dem du erzählen kannst, dass das Studium großartig läuft, obwohl du die Bachelorarbeit schon ewig vor dir herschiebst. Einen, dem du sagst, dass das Single-Leben echt super ist, weil du machen kannst was iiiiiiimmmmmer du willst, obwohl du echt gerne mal wieder ein Date hättest. Einen, dem du vorschwärmst, wie spannend dein Job ist, obwohl du schon längst wieder Bewerbungen schreibst. Einen, dem du Fotos vom tollen Urlaub in Italien zeigst, in dem du dich mit deiner besten Freundin so sehr gestritten hast, dass ihr kein Wort mehr miteinander redet.

Neulich in der Bahn habe ich belauscht, wie eine ältere Dame mit ihrem Mann über eine spanische Vergangenheitsform diskutiert hat. Ich habe mich dann eingemischt. Sie wissen jetzt ALLES über mein Auslandssemester.

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